150 Jahre TUM – 150 Jahre Innovation aus Bayern

Die Technische Universität München feiert ihren 150. Geburtstag. Die Wissenschaftsjournalistin Brigitte Röthlein stellt in einem kapitalen Werk die profiliertesten Forscherpersönlichkeiten der TUM vor. Sie verraten viel über die Höhen und Tiefen der Wissenschaft, Motivationen, Siegeswege akademischer Außenseiter, Herausforderungen für die Zukunft. Eine Muss-Lektüre!

Anderthalb Jahrhunderte Münchner Technik-Historie durchleuchtet:  Autorin Brigitte Röthlein (c) Phillip Röthlein

Die Technische Universität München blickt auf anderthalb Jahrhunderte zurück. Als Shooting Star der Technikwissenschaften ist sie der Welt als TUM bekannt und als solche hochrespektiert. Über diese Münchner und bayerische Erfolgsgeschichte hat die Wissenschaftsjournalistin Brigitte Röthlein ein brikettschweres Werk von 512 Seiten verfasst. Darin stellt sie 48 auserlesene TUM-Vertreter vor, von den leuchtenden Nobelpreisträgern wie Mößbauer und Kitzing, über legendäre Pioniere wie Diesel und Messerschmitt, bis zu eher unbekannten, aber nicht weniger gewichtigen Innovatoren wie Stefan Vilsmeier.

Nazi-Biografien

Frau Röthleins Buch bereitet der Forschung und angewandten Wissenschaft eine große Bühne. Die Natur- und Kommunikationswissenschaftlerin erklärt für Nichtfachleute stets verständlich komplizierteste Vorgänge aus der Quantenphysik, Chemie, Medizin; erweckt die Akteure mit tiefgründig recherchierten Informationen über ihr Werk zu Leben, zwischen Erkenntnisstreben und forscherischer Kreativität, persönlichen Erweckungserlebnissen, Siegen und Scheitern, bis zum tragischen Freitod (Hans Fischer). Die offizielle Jubiläumspublikation der TUM unterschlägt auch nicht die Nazi-Biografien renommierter Forscher, denen sich die deutsche Wissenschaft nach jahrzehntelangem Schweigen und Unter-den-Teppich-Kehren erst in jüngerer Vergangenheit gestellt hat.

Doch, Vorsicht, nicht immer sticht Schwarz-Weiß: Am Beispiel von Hans Piloty, einem der Väter des elektronischen Rechnens mit Anwendung auf die kriegswichtige Nachrichtentechnik und Nazi-Gegner, zeigt die Autorin, wie schmal der Weg zwischen Forschung, NS-Politik und Ethik war. Eine Binsenweisheit, doch in der Welt der Forschung ist diese Erkenntnis nicht selbstverständlich: Wissenschaft ist politisch, damals wie auch heute, und bedarf immer der sittlichen Abwägung.

TUM Jubiäums-Eingangsportal (c) Goede

Kampf der Frauen

Buchinhalt und die vorgestellten Forscherbiografien schreiten in Wellenbewegungen voran, mit dramaturgisch geschickt eingesetzten Höhen und Tiefen. Wie beispielsweise nach dem Faschismus Heinz Maier-Leibnitz den modernen demokratischen Umgang bei der TUM einführte, hierarchisches Top-down-Denken im Elfenbeinturm sprengte und Verantwortung breit streute. Wie allerdings Frauen von der Männerdomäne weithin ausgeschlossen blieben – wie auch bleiben –, was auch der Herausgeber des Buches Wolfgang A. Herrmann bedauert, der Präsident der TUM. Im Vorwort schreibt er, dass es mittlerweile 90 Professorinnen gebe, „immer noch zu wenig“. Stellvertretend für alle Frauen, deren Karriere von der Gelehrtenwelt blockiert wurde, lässt die Autorin die Chemikerin Paula Hahn-Weinheimer zu Wort kommen, die 1970 die allererste Professorin an der TUM wurde. Von klein auf musste sie sich ständig durchsetzen, immer kämpfen. Bis heute ein Frauenschicksal.

Leitwort des TUM Präsidenten zum Jubiläum (c) Goede

Der Vielfacettigkeit dieses Jubiläumsbuches kommt auch zugute, dass neben den harten Technikwissenschaften auch die weicheren und künstlerischen zur Geltung kommen, die Architektur etwa in Person des genialen Helmut Jahn, ohne dessen Werk die Skylines von Chicago und New York optisch bedeutend ärmer wären. Mit dem Einbeziehen der Kunst gewinnen auch die Emotionen der TUM-Schaffenden schärfere Konturen. Triebfeder des Bildhauers Fritz Koenig, Professor für Plastisches Gestalten und Mitglied der Fakultät für Architektur, waren Angst und Einsamkeit, Schmerz und Flucht, die Traumata, die ihn aus dem Zweiten Weltkrieg begleiteten. Davon motiviert, schuf er so einzigartige Werke wie das Mahnmal im ehemaligen KZ Mauthausen oder eine gewaltige Bronzekugel, die Kugelkaryatide oder „Sphere“, die zwischen den Twin Towers den Anschlag auf das World Trade Center wie durch ein Wunder überstand. Koenig gilt als bedeutendster deutscher Bildhauer der Nachkriegszeit.

Münchens Steve Jobs

Brigitte Röthlein findet auf ihrer Bühne auch Platz für den forscherischen Nachwuchs, die globalisierten jungen Wilden der TUM. Hier stoßen wir auf immer mehr Menschen mit auffällig internationalem Hintergrund und Wurzeln aus anderen Kulturen, etwa den Roboterexperten Gordon Cheng aus China oder den griechischen Bioingenieur Vasilis Ntziachristos, der mit neuen Verfahren Krankheiten im Körper sichtbar macht. Diese Forscher gehören zu den neuen Wissenschaftsnomaden, auf der ganzen Welt unterwegs und tätig. Rastlos, auch ein modernes Forschermerkmal. Bodenständig geblieben dagegen ist der Bayer Stefan Vilsmeier, dessen Medizin-Technik-Imperium von München aus in die ganze Welt ausstrahlt. Headquarter ist stilgerecht der Tower des alten Münchner Flughafens in Riem.

Stefan Vilsmeier, Münchens Hightech Innovator und TUM Abbrecher (c) Brainlab

Die Autorin schildert den faszinierenden Weg dieses Mannes, der als 15-jähriger Nerd am Commodore 64 seine Liebe für Grafik entdeckte, unter abenteuerlichen Risiken die Firma Brainlab gründete, heute die führende Firma für Strahlentherapie bei Krebs sowie Gehirnchirurgie mit 18 Niederlassungen in der Welt und 1360 Angestellten. 4500 Kliniken und Menschen in 100 Ländern arbeiten mit Brainlabprodukten. Die TUM ist ein enger Kooperationspartner beim Entwickeln neuer Technologien. Der Firmenchef selbst studierte hier Informatik und Theoretische Medizin, bis er sein Studium nach dem Vordiplom abbrach und vorzog, als Autodidakt weiterzumachen. Das Programmieren brachte er sich selber bei, gründlicher, als er es im Hörsaal hätte lernen können. „Münchens Steve Jobs“, von der TUM zum „Entrepreneur of Excellence“ geadelt, blieb bei seinem unternehmerischen Höhenflug als Person gut geerdet auf dem Boden und bezeichnet sich selbst als eher schüchtern.

Natur- und Sozialwissenschaften rückkoppeln

Die TUM, ein schillernder eigner Kosmos in der Welt der Technologien – dieses Bild bleibt nach Lektüre der 512 ebenso bildungsintensiven wie spannenden Seiten im Kopf des Lesers hängen. Wovon auch die vielen nostalgischen Fotos aus den Gründerjahren zeugen: Diese Hochschule war eine der Mütter unserer technischen Zivilisation und hat den Standort Deutschland als führende Techniknation mitbegründen helfen, wofür auch das vom TUM Campus nur wenige Kilometer entfernte Deutsche Museum steht. Apropos Bilder und Buchdesign: Zeichnungen und Darstellungen, wie eine Technik funktioniert, hätte man sich professioneller und aus einem Guss gewünscht. So, wie eingestreut, erscheinen sie zufällig und ein wenig lieblos. Textkästen hätten geholfen, Infos auf den Punkt zu bringen und übersichtlicher zu machen, mehr Luft und Atem in längere Textstrecken zu bringen.

Internationale Firmenzentrale im alten Flugtower (c) Brainlab

Inhaltlich wäre es angebracht gewesen, einen Ausblick in die Zukunft zu wagen, wie es mit dieser ehrwürdigen Einrichtung weitergeht, auch angesichts internationaler Verflechtung und dem Konkurrenzdruck aus Ländern wie den USA, China, Indien. Das vierseitige Vorwort des Herausgebers, des TUM Präsidenten Wolfgang A. Herrmann, reicht dafür nicht aus. Als nächsten großen Entwicklungsschritt kündigt er eine „Rückkoppelung“ der Natur- und Ingenieurwissenschaften mit den Sozial- und Politikwissenschaften an.

Anglophonisierung der TUM

Liest sich gut, aber was genau will er damit sagen? Ob Technologie und die TUM „unser aller Leben verändert, erleichtert, verlängert haben“, wie Herrmann in diesem Vorwort schreibt, könnten eben diese Gesellschaftswissenschaften in Frage stellen, besonders das Argument der Erleichterung. Die allgemeine Stimmung ist eher die, dass uns Technologien entgleiten und an unsere und die des Planeten Grenzen bringen. Gleichzeitig wünschte man sich vom Hochschulpräsidenten auch eine Reflexion über die Ethik dessen, was in seinem Hause erforscht und in Technologie umgesetzt wird, auch in welcher Sprache kommuniziert wird. Herrmann stand und steht in der Öffentlichkeit und von Professorenkollegen in der Kritik für seine Anglophonisierungspolitik, dass man an der TUM alle Fächer auf Englisch studieren kann, ohne ein Wort Deutsch beherrschen zu müssen. Ist das ein zu hoher Preis für das international hohe Ranking der Hochschule?

Anders und viel nachdenklicher Walther von Dyck, Rektor der Hochschule, bei seiner Gedenkrede zum 50. Jubiläum kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918: „Hat nicht der wachsende Erfolg, die immer schrankenloserer Beherrschung aller Kräfte der Natur und des Lebens nur die Gier nach irdischen Gütern, nach äußerer Machtstellung gefördert, statt, wie es das wahre Ziel ist, echte Kultur zu schaffen und über den Erdkreis zu verbreiten?“ (S. 241)

Das war vor hundert Jahren. Spannend, was in den Festschriften und Ansprachen zum 200. Geburtstag im Jahre 2068 zu hören und zu lesen sein wird.

Brigitte Röthlein: Pioniere gestalten die Welt der Technik. 150 Jahre Forschung an der Technischen Universität München. © 2018 TUM.University Press
https://www.amazon.de/Pioniere-gestalten-die-Welt-Technik/dp/3958840035

3 Kommentare

  1. Es ist schade, dass eine gute Wissenschaftsjournalistin dazu bereit war, das offenbar unstillbare Ego des jetzigen TUM-Präsidenten Wolfgang Herrmann durch diesen Band zu streicheln. Denn er hat das Buch herausgegeben, er erntet nun – wie so oft – die Lorbeeren, die großenteils andere verdient haben.
    Aber ich habe die unüberhörbare Kritik hieran am Schluss des Goedeschen Textes nicht überlesen und bin dankbar dafür. Ein paar Anmerkungen hierzu: Es ist richtig und notwendig, dass Herrmann wegen seiner Position zur Wissenschaftssprache kritisiert wird. Sie ist nicht nur falsch, weil in einer 6000-Sprachen-Welt die von ihm vorangetriebene Internationalisierung der Wissenschaftskommunikation auf Englisch als der angeblich heute führenden Wissenschaftssprache die ganze kognitive Dimension der Sprachen ignoriert und deshalb Wissenschaft zwar schneller, aber auch oberflächlicher, sprich: schlechter macht als notwendig. Sie ist aber vor allem deshalb falsch, weil die entscheidende Kritik an dieser eitlen und mit zuviel Macht ausgestatteten Person wesentlich tiefer zielen muss. Hermann lässt kein Mikrophon aus, um zu verkünden, dass es für ihn nichts anderes als viel mehr Geld ist, was Wissenschaft besser zu machen erlauben würde; dann könnte er für die TUM nämlich (wie seine von ihm bewunderten US-amerikanischen Präsidentenkollegen) jeden Wissenschaftler kaufen, den er gern haben möchte. Es ist der Sieg des Kommerzes über die Wahrheitssuche und der Sieg des gnadenlosen Konkurrenzdenkens eines freien Marktes über das für die zukünftige Wissenschaft immer wichtiger werdende Kooperationsdenken, der das Wirken dieses Mannes so ärgerlich macht. Sein amputiertes Sprachenverständnis (er lobt die bairischen Dialekte, aber jede andere Sprache als Englisch ist für ihn nur ein Beleg für wissenschaftlichen Provinzialismus) ist nur ein Symptom des verheerenden Einflusses der Wettbewerbsökonomie auf die heute leider verbreitete Vorstellung von erfolgreicher Wissenschaft. Wer nach Gründen für den schlechten Zustand der Erde sucht, wird u.a. hier fündig. Ein gut Teil der heutigen internationalen Reputation der TUM wird diesem Präsidenten von Öffentlichkeit, Medien und vor allem Politik als Konsequenz zugerechnet; dabei steht er nur für den Ausverkauf der Wissenschaft an die Wirtschaft. Die bayerische Politik, die sich hoffentlich vielleicht zurzeit etwas wandelt, müsste man da mal näher untersuchen. Die neue heilige Dreifaltigkeit Politik-Verwaltung-Wirtschaft schlägt wieder zu und richtet die Wissenschaft bestmeinend, mit internationalem Beifall und leider auch übertriebenen Jubeltönen aus dem Wissenschaftsjournalismus weiter zugrunde. Er merkt es nicht, denn er überhört es im Krach des allgemeinen Jubels, den er auf sich bezieht.

  2. Danke, Herr Prof. Finke! Sie kommen mir zuvor. Sie haben ja so Recht!

    Sie schrieben: “steht er nur für den Ausverkauf der Wissenschaft an die Wirtschaft. ” Das stimmt und hätte Herr Goede auch sehr viel deutlicher kommentieren bzw. kritisieren müssen. Das Buch ist ein Jubelbuch. Schade, dass sich Brigitte Röthlein dafür hergegeben hat. Aber sie hat sich ja auch schon zu dem Lobhudel-Buch “Morgenstadt” mit Hans-Jörg Bullinger hinreißen lassen.

    Denkt eigentlich noch jemand daran, dass Herrmann ein Steuerhinterzieher ist (er musste damals 45.000 EUR Strafe zahlen)? Und dass er dafür eintrat, die TU zu privatisieren, Studiengebühren einzuführen und Studenten als “Kunden” bezeichnen wollte?

    https://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-pleiten-pech-und-pannen-und150-turbulenzen-in-bayern-erschuettern-auch-edmund-stoiber_aid_188726.html

    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/studiengebuehren-muenchner-sandkastenspiele-a-225887.html

  3. Lost in Trainstation: Wir versteh’n nur Bahnhof. English made in Germany — ein Bilderbuch.

    Im Bayerischen Rundfunk sagte der Autor Peter Littker heute, dass Denglish kaum mehr zu stoppen sei, dass Deutschland auf dem Weg zur Zweisprachigkeit sei und dass dieser Prozess mit einer gesellschaftlichen Spaltung einhergehe.

    Interessant: Eingedeutschte Anglizismen wie Discount Store zu Discounter werden international übernommen und finden Eingang in englischsprachige Wörterbücher Eingang.

    https://www.kiwi-verlag.de/buch/lost-in-trainstation-wir-verstehn-nur-bahnhof/978-3-462-05167-4/

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