Ein ungewohntes Format:
zwei Stuhlkreise statt Theater-Bestuhlung
Beim Betreten des Presseclubs München war der eine oder andere Gast verwirrt. Statt der gewohnten Theater-Bestuhlung mit Blick auf die Referenten, waren zwei Stuhlkreise aufgestellt: ein innerer mit Namensschildern und ein äußerer, zunächst ohne nähere Definition. Was sollte die Gäste erwarten?
Mental Health zwischen Medizin, Arbeit und KI

Das Thema des Abends war mit „Mental Health“ klar benannt. Doch war oder ist es wirklich klar? Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Teli, Arno Kral, führte Wolfgang Goede kurz in den Abend ein, bevor der „Inner Circle“ mit der Ärztin und Organisationsberaterin Jadwiga Dutsch begann. Sie stellte die Bedeutung von Mental Health insbesondere aus medizinischer Perspektive in den Mittelpunkt und ging anschließend auf ihre Erfahrungen als Coachin, speziell in der Arbeitswelt, ein. Dabei nahm sie aktuelle Zahlen zur gesundheitlichen und wirtschaftlichen Bedeutung psychischer Belastungen in den Blick. Nach Schätzung der WHO leben rund 15% der Erwerbsbevölkerung zu einem gegebenen Zeitpunkt mit einer psychischen Störung; Depressionen und Angststörungen führen weltweit zu etwa 12 Milliarden verlorenen Arbeitstagen pro Jahr und zu rund 1 Billion US-Dollar Produktivitätsverlust. Als zentrale Risikofaktoren nannte sie hohe Arbeitslast, geringe Kontrolle, Rollenunklarheit, negative Arbeitskultur und autoritäre Führung.
Vor diesem Hintergrund betonte Dutsch die große Verantwortung von Arbeitgebern und Organisationen. Betriebliche Strukturen müssten nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung sein, etwa durch präventive Angebote, realistische Arbeitsanforderungen, angemessene Arbeitszeiten und eine Kultur, die psychische Belastungen ernst nimmt. Managertraining, Gesprächskompetenz und echte Einflussmöglichkeiten seien entscheidend. Digitale und hybride Arbeit verstärkten diese Spannungen häufig: mehr Schnittstellen, fragmentierte Entscheidungen und höhere Transparenz gingen oft mit zusätzlichem Druck einher.
Sie thematisierte zudem digitale Unterstützungssysteme. KI und Apps können eine Burn-out-Therapie gut vorbereiten, begleiten und nach einer Klinik stabilisieren, gelten aber nicht als vollwertiger Ersatz für eine klassische Psychotherapie, besonders nicht bei schweren Fällen. Ihr Nutzen liege vor allem in niedrigschwelliger Unterstützung, Psychoedukation, Selbstmanagement, Monitoring und als Verlängerung der Therapiesitzungen in den Alltag. Bei hoher Nachfrage und langen Wartezeiten könnten digitale Angebote Betroffene zunächst an professionelle Hilfe heranführen. Grenzen blieben jedoch erheblich: fehlende echte Empathie, mögliche Fehleinschätzungen, Datenschutzfragen und die Gefahr kommerzieller Nutzung sensibler Gesundheitsdaten.
Von der eigenen Betroffenheit bis zum Glauben:
verschiedene Lebensperspektiven
Sebastian Schoepp, ehemaliger Journalist bei einer renommierten Tageszeitung, berichtete von seinem Ausstieg aus dem „bis-fünf-fertig-Job“. Er merkte, wie er diesen Zeitdruck immer weniger zu ertragen bereit war. Schließlich stieg er aus, und das Wandern über und durch deutsche Mittelgebirge wurde zu seiner Passion. War er zuvor viel weltweit unterwegs, so entdeckte er für sich und seine Gesundheit das Naheliegende, das er in seinem Buch „Seelenpfade“ verarbeitet hat.

Welche Bedeutung das Seelenleben für die Gesundheit hat, darüber sprach Dr. Jörg Roth mit seiner Expertise als Psychotherapeut. Er knüpfte an die Wichtigkeit von Bewegung an, da er selbst dem Rudersport eng verbunden ist. Schoepps Buchprojekt aufgreifend, überlege er, ein Buch über das Rudern zu verfassen, denn dort kämen neben der Bewegung auch zwei weitere wesentliche Aspekte von Mental Health hinzu: Ernährung und Gemeinschaft.
Anschließend griff Arno Kral Dutschs Ausführungen zur digitalen Unterstützung auf und ergänzte sie aus eigener Erfahrung. Er war vor zwölf Jahren selbst drei Monate stationär wegen Burn-out, damals noch ohne KI für die breite Bevölkerung. Was ihm damals geholfen habe, werde eine „künstliche Intelligenz“ oder, wie er zuspitzend sagte, „maschinelle Ausspähung“ kaum ersetzen können: Bewegungstherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie sowie menschliche Nähe und Geborgenheit in einer Gruppe. Damit unterstrich er die medizinisch-coachende Perspektive von Dutsch.
Zugleich räumte er ein, dass KI als Werkzeug unterstützend wirken könne, etwa bei der Recherche zu Krankenkassenleistungen, bei der Suche nach Therapieplätzen oder zur Überbrückung langer Wartezeiten. Auch könne ein Chatbot in Phasen starker Selbstzweifel zumindest ein Art Gegenüber bieten. Dennoch bleibe ein grundlegendes Problem: Die sinnvolle Nutzung setze die Fähigkeit voraus, die eigene Situation realistisch einzuschätzen, eine Fähigkeit, die gerade bei schweren Erschöpfungszuständen oder Depressionen häufig eingeschränkt sei.
Für die leider verhinderte Katrin Richthofer, Kommunikatorin bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, sprach Wolfgang Goede. Sie verstand Glauben als unmittelbare Ressource für mentale Gesundheit, als Erfahrung von Zugehörigkeit, Geborgenheit und einer Instanz, die jederzeit „zuhört“. Daraus könne Vertrauen, Entlastung und innere Stabilität entstehen, die über rein individuelle Bewältigungsstrategien hinausgehen. Gleichzeitig betonte sie die Bedeutung von Selbstfürsorge. In Anlehnung an „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ hob sie hervor, dass Fürsorge für andere nur aus einem inneren Überfluss heraus gelingen könne. Der Mensch solle sich nicht „leer schöpfen“, sondern die eigene „Schale“ bewusst füllen – durch Beziehungen, Erfahrungen und Momente, die tragen. Glaube erscheine so nicht als zusätzliche Verpflichtung, sondern als entlastender Gegenpol zu Leistungsdruck.

Aus einer eher unreligiösen Region Deutschlands kommend und sich selbst als Friedenskind bezeichnend, sprach die ehemalige Münchner Stadträtin Gunda Krauss. Sie erzählte von ihrer schwierigen Kindheit, die sie als eine Art Gefängnis wahrnahm, sowie von der Prägung durch Erziehungsmethoden, wie sie im nationalsozialistischen Staat propagiert wurden. Erst mit der Rente konnte sie aus dieser – in Anlehnung an Platons Höhlengleichnis – Enge ausbrechen, fiel jedoch zunächst in ein tiefes Loch. Eine zunächst diffuse, später als kühn realisierte Idee einer Deutschlandreise mit ihrem Dreirad und dem Dackel „Sauser“ machte sie bekannt und half ihr, erstmals etwas Eigenes durchzusetzen. Doch auch das Ende dieser Reise führte in eine erneute Krise und zugleich zu einem weiteren „Höhlenausgang“, der neues Licht versprach.
Einen besonderen Zugang zu Mental Health sollte die Künstlerin Maja Jiranek einbringen, die jedoch ebenfalls verhindert war. Sie hatte im Vorfeld drei Impulse an Wolfgang Goede übermittelt, der diese verlas. In einem davon stellte sie eine Analogie zwischen dem Malen und den Herausforderungen der Zukunft her. Sinngemäß beschrieb sie das Verhältnis von Pinsel und Leinwand als Bild für das Leben: Die Leinwand könne als Begrenzung der Möglichkeiten verstanden werden, zugleich eröffne sie dem Pinsel erst den Raum, sich frei zu entfalten und das in ihm Angelegte sichtbar zu machen.
Abschließend fasste der Medizinjournalist und studierte Biologe Günter Löffelmann die Runde zusammen. Für ihn ergaben sich aus den Beiträgen vor allem positive Perspektiven in der Vielfalt der geschilderten Lebenserfahrungen. Zugleich wies er darauf hin, dass der Begriff „Mental Health“ keineswegs neu sei, sondern bereits in den 1930er Jahren Verwendung fand, seit den 2010er Jahren jedoch einen deutlichen Aufschwung erlebt habe. Mittlerweile sei das Spektrum an Themen, Autoren und Angeboten so unübersichtlich geworden, dass eine klare Bestimmung dessen, was unter „Mental Health“ zu verstehen ist, zunehmend schwerfalle. Vielmehr dränge sich der Eindruck einer Kommerzialisierung auf.
Fish-Bowl als Modell:
Experten und Laien auf Augenhöhe

Diese Analyse wurde im weiteren Verlauf aufgegriffen. Es wurde betont, dass ein offener, wenig definierter Rahmen zwar Vorteile habe, zugleich aber die Schwierigkeit der fehlenden Messbarkeit von Ergebnissen mit sich bringe. An diesem Punkt kam das Fish-Bowl-Format zur Geltung: Gäste aus dem äußeren Stuhlkreis konnten in den inneren Kreis wechseln und sich aktiv einbringen.
Neben persönlichen Erfahrungen wurden dabei insbesondere zwei Themen angesprochen. Eine Teilnehmerin fragte nach der Bedeutung von Sinnsuche und Sinnfindung für die persönliche Gesundheit. Ein anderer Gast betonte die Kopflastigkeit als grundlegendes Problem einer männerdominierten Gesellschaft. Die Gefühlswelt, obwohl von großer Bedeutung, werde häufig ausgeklammert, so auch in der Diskussion an diesem Abend.
Mit vielen Anregungen, Gesprächsthemen und Impulsen endete die Veranstaltung. Sie zeigte, wie eine lebendige Gesellschaft gesünder werden könnte. Während zu Beginn der innere Kreis unter sich blieb und der äußere vor allem zuhörte, führte das Fish-Bbowl-Format zu einer Durchmischung. Durch den Wechsel zwischen außen und innen wurde sichtbar, wie Experten von Laien angeregt werden und Laien von Experten als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrgenommen werden.
Am Ende entstand ein lebendiger Austausch zwischen dem inneren und dem äußeren Kreis, zwischen Jung und Alt sowie zwischen Männern und Frauen. Übertragen auf die Gesellschaft könnten so Grenzen abgebaut und die Dialogfähigkeit gestärkt werden. Der Abend wurde so zu einem kleinen Modell dafür, wie eine Gesellschaft gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe über Gesundheit, Sinn und Zukunft sprechen kann.












