Ein Begriff hat Konjunktur: Digitale Souveränität. Doch was genau ist das, wie lässt sie sich erreichen, welche Maßnahmen sind dafür zu ergreifen? Auf der Suche nach Antworten besuchte TELI-Vorstandsmitglied Peter Knoll eine international besetzte Podiumsdiskussion.

Fünf Firmen, fünf teils deutlich unterschiedliche Ansätze: Ein mit Vertretern international agierender IT-Konzerne prominent besetztes Podium diskutierte auf Einladung einer bekannten PR-Agentur in München über Voraussetzungen und Wege zu Digitaler Souveränität – dem Recht, frei von fremder Einmischung zu handeln.
Steffen Märkl, Director Solutions Engineering CEMEA von Cloudera, ergriff als Erster das Wort. Sein US-amerikanisches Unternehmen ist spezialisiert auf Big Data, Datenmanagement und Künstliche Intelligenz (KI) und integriert dazu verschiedene Open Source-Technologien. „Wahre Souveränität bedeutet, die absolute rechtliche, operative und technische Kontrolle über den gesamten Daten- und KI-Lebenszyklus zu halten“, sagte Märkl.

Dazu seien vier Bereiche einzuschließen: Datensouveränität (u. a. Kontrolle der Daten unter lokalen Gesetzen), Technische Souveränität (kein Vendor Lock-in dank Open Source, offene Standards, Interoperabilität), die KI-Souveränität (Entwicklung auf eigener Infrastruktur, Schutz proprietärer Daten etc.) und Operative Souveränität. Darunter versteht Cloudera, dass Administration, Wartung und Support ausschließlich von lokalem, autorisiertem Personal in vertrauenswürdigen Gerichtsbarkeiten durchgeführt werden dürfen.
Architektur auf vier Säulen
Eine souveräne Architektur in der EU müsse daher, so Steffen Märkl, auf vier Säulen stehen: Der Provider müsse sich lokal mit Personal in der EU befinden, es bedürfe einer offenen, hybriden Architektur. Dazu biete Cloudera eine Cloud „Anywhere“ Plattform. Diese Plattform ist als Abstraktionsschicht zu sehen, die auf der Infrastrukturschicht aufsetzt und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt, Daten zu verarbeiten, zu analysieren und KI zu betreiben. Hinzu kommen müssten eine einheitliche Governance und die kryptografische Hoheit, um die Daten unter der Kundenkontrolle zu behalten.
Dirk Arendt, Director Government, Public and Healthcare DACH von TrendAI, warnte dagegen vor der Forderung, sich regional abzuschotten. Trend Micro ist auf Sicherheitssoftware spezialisiert; TrendAI arbeitet mit dem US-KI-Entwickler Anthropic zusammen, um KI-native Arbeitsabläufe, Automatisierung und Risikominimierung voranzubringen und integriert deren KI-Large Language Model (LLM) Claude.
„Souveränität bedeutet Wahlfreiheit – nicht Abschottung,“, so Arendt. Eine vollständige technologische Selbstversorgung, also die Abschottung vom globalen digitalen Raum, sei „in einer vernetzten Welt weder erreichbar – noch erstrebenswert“. Die Realität sei nicht der „Mythos Autarkie“, sondern Selbstbestimmung. Es bestehe Wahlfreiheit zwischen leistungsfähigen Partnern, selbstbestimmtes Handeln sei möglich und gefordert.
Das wichtigste Auswahlkriterium müsse daher die Vertrauenswürdigkeit des Geschäftspartners sein, nicht allein die Herkunft – und diese sei bei einem in Japan beheimateten Konzern gegeben, da Japan keinen Cloud Act wie die USA, sondern ein vergleichbares Niveau wie die EU biete.
Das Stichwort Cloud Act nahm Suvish Viswanathan, Regional Director DACH von Zoho, dankbar auf – um seinen Konzern selbstbewusst als Microsoft-Office-Alternative zu positionieren. Zoho bietet mehr als 60 Produkte und 45 integrierte Anwendungen.
Unabhängigkeit dank Eigentümerstruktur
Der aus Indien stammende Konzern sei inhabergeführt und könne daher unabhängig von kurzfristigem Investoreneinfluss langfristig handeln – gemäß dem konzerneigenen Motto „People over profits“.

Suvish Viswanathan konstatierte: „Daten, die von einem in den USA registrierten Unternehmen verarbeitet werden, unterliegen automatisch US-Recht – einschließlich möglicher Anfragen auf Grundlage des Cloud Act.“ Daher sei es „egal, wo sich das Rechenzentrum befindet. Entscheidend ist der Rechtsraum, nicht der Standort“. Souveränität entstehe dort, wo Unternehmen die uneingeschränkte Kontrolle über ihre Daten, Prozesse und technologischen Entscheidungen behalten. Eigentümerstruktur, Geschäftsmodell und strategische Unabhängigkeit eines Anbieters könnten dabei ebenso relevant sein wie technische oder regulatorische Faktoren.
Ähnlich argumentierte Oliver Paetz, Head of Product Management Secure Email von Retarus. Das Unternehmen mit Stammsitz in München sieht sich als ein weltweit führender Anbieter für sichere Kommunikation. Paetz verwies auf deutliche Unterschiede zwischen dem theoretisch bestehenden Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung der digitalen Souveränität und dem tatsächlichen Handeln: Gemäß einer gerade veröffentlichten europäischen Entscheider-Studie im Auftrag von Retarus bewerten 86% der Befragten digitale Souveränität als „sehr strategisch relevantes“ Thema.

Dennoch fühlten sich nur 47% als „vollständig audit-ready“. „80 Prozent der Entscheider glauben, ihre E-Mail-Umgebung im Griff zu haben“, zitierte Oliver Paetz die Studie. Doch die Realität sei, dass ungefähr die Hälfte Anbieter außerhalb Europas nutzten. Die Schlüssel zur Souveränität seien „Observability und Identity Management“ – also weit mehr als ein europäisches Rechenzentrum allein bieten könne.
Yasser Yoshua Wardasbi, Senior Manager European Sovereign Region EMEA von Genesys, sprach im abschließenden Impulsreferat zunächst über die fehlende Kundenzufriedenheit mit den digitalen Angeboten der deutschen Verwaltung, bis er schließlich zum Kernthema kam: Vertrauen, so seine These, sei ursächlich für die politische Überlebensfähigkeit der Demokratie. Die Leitfrage sei: „Bleibt der digitale Service kontrollierbar und verfügbar – auch bei exterritorialem Druck und geopolitischen Spannungen?“
In der anschließenden – durchaus emotionalen –Diskussion betonten mehrere der anwesenden IT-Fachjournalisten die Bedeutung einer echten Alternative zu US-amerikanischen Großkonzernen. Nicht in jedem Teilbereich, so die einhellige Meinung, sei der Einsatz von LLM-gestützter KI sinnvoll und angezeigt, oft reichten auch einfachere, weniger rechen- und somit energiefressende Methoden wie Machine Learning. Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer, dass Monopole eine große Gefahr für die Digitale Souveränität darstellen – und es zugleich große Hürden gerade für internationale Unternehmungen gibt, von den Monopolisten wegzukommen.













Verdienstvoller Beitrag, lieber Peter Knoll. Da steckt mehr drinnen, ein zentraler TELI Jour fixe zu dieser, manche formulieren sie als „Schicksalsfrage“.
Danke, lieber Wolfgang Goede. JA, dieser Frage lohnt sich, nachzugehen – und von der Antwort hängt das Schicksal der EU ab, nicht nur das von Deutschland.
Danke für Deinen Bericht, Peter. Erhellend.
Ich lese daraus, dass es eine ziemlich oberflächliche Veranstaltung war. Richtig?
Soweit ich belesen bin, ist der Diskurs um digitale Souveränität doch längst viel breiter. Da geht es eher um neue digitale Imperien und eine Big‑Tech‑Geopolitik. Im Transkript-Verlag haben dazu einige wirkliche Experten interessante Arbeiten publiziert (z.B. Georg Glasze/Uni Erlangen-Nürnberg).
Wie ich Deinen Bericht verstand, redeten die Podiumsteilnehmer nur im Sinne alter Markt‑ und Standortlogik, ohne die übergeordnete Machtpolitik einzubeziehen.
Europäische Projekte, wie „EuroStack/Deutschland-Stack“ oder „GAIA‑X“ versprechen zwar digitale Souveränität, wollen aber faktisch nur die US‑Gatekeeper durch europäische ersetzen, ohne die Macht‑ und Transparenzprobleme wirklich strukturell zu verändern. Palantir, Microsoft, Alibaba, Amazon und Google mischen als Teile von „GAIA‑X“ ja schon kräftig mit.
Die EU mag zwar den Eindruck einer demokratischen Digitalpolitik erwecken, aber die konkrete Praxis ist doch eher ausgerichtet auf staatliche Kontrolle (auch der Bürger), Standortpolitik und geoökonomische Interessen.
Kam von den offenbar anwesenden Journalisten wirklich niemand die Idee, mal kritisch die alte Macht-, Markt‑ und Standortdenke zu hinterfragen?
Ich denke, dass gerade die digitale Souveränität unbedingt mit demokratischen oder sozialen Machtfragen verknüpft sein muss. Man wird ja wohl noch träumen dürfen …
Ergänzung: Ich meinte im letzten Absatz meines Kommentars natürlich nicht „digitale Souveränität“, sondern „digitale Macht“.
Soeben sah ich, dass die Süddeutsche am vergangenen Wochenende (11./12. Juli 2026) in ihrem Buch Zwei die Machtfragen aufgenommen hat, die weit brisanter sind als das Geplänkel um digitale Souveränität: Ann-Kathrin Nezik: der Staat? Muss weg. Demokratie? Braucht keiner. Freiheit? Ist eine Pizzeria auf dem Mond. Süddeutsche Z. Nr. 157, Buch Zwei S. 11-13. Lesenswert.