Flughäfen zu Impfzentren

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(c) frank2016wang / PixaBay

Die Corona-Pandemie dauert an, die Zahl der Infektionen geht in die Millionen. Jedes Menschenleben, das dem Virus unmittelbar oder mittelbar zum Opfer fällt, ist eines zuviel. Selbst konsequente Befolgung der AHA-Regeln kann das Virus nicht ausmerzen, die Menschheit steuert (zumindest auf der bevölkerungsreichen Nordhalbkugel unseres Planeten) auf einen dunklen Winter zu.

Als Silberstreif am Horizont scheint die Entwicklung jener Impfstoffe auf, die bereits kurz vor der behördlichen Zulassung stehen, etwa der von Biontech-Pfizer. Zwei Impfungen pro Kopf sollen reichen, um eine Immunisierung herzustellen. Für die rund 81 Millionen Einwohner der Bundesrepublik Deutschland sind also 162 Millionen Impfdosen erforderlich. Aber selbst wenn ein solcher Impfstoff rasch in ausreichender Menge produziert werden könnte stellt sich die Frage, wie er sicher und schnell in Frau, Mann und Kind kommen kann. Denn die Herausforderungen an die Logistik eines solchen Massenunterfangens sind enorm.

Impfzentren müssen her, so die Forderung aus der Medizin an die Politik, Orte also, an denen die Millionen Dosen geschützt vor Raub und Umwelteinflüssen sicher gelagert und verteilt werden können, Orte, zu denen sich Menschenmassen begeben können, ohne einander zu eng auf die Pelle zu rücken, Orte, die leicht und sicher zu erreichen sind, die Schutz vor Wind und Wetter bieten, Orte, die, um Ansteckungen zu unterbinden, ausgezeichnete Klimatechnik bieten und dazu mit gastronomischen, sanitären und medizinischen Einrichtungen Grundbedürfnisse von Menschen abdecken können, Orte, die darauf ausgelegt sind, Menschenmassen lenken, kanalisieren und authentifizieren können, Orte, die mit ihrer Ausstattung Sicherheit vor Attentätern bieten. Und Orte, die Menschen vereinzeln können, denn das Impfen ist eine überaus intime Angelegenheit.

Flughäfen darben

Solche Orte gibt es bereits, Orte, die nicht erst geplant, finanziert, errichtet, eingerichtet genehmigt und betrieben werden müssen. Diese Orte sind unsere Flughäfen, Wirtschaftsbetriebe, die ohne staatliche Hilfen vor dem Ruin stehen, weil die Covid-19-Pandemie jede unnötige Reise zum Akt antisozialer Aggression macht. In Deutschland gibt es laut Wikipedia 38 Verkehrs- und Sonderflughäfen, schön verteilt über die Fläche der Bundesrepublik, kaufmännisch optimiert nach Größe und Kapazität an die Lage ihrer Einzugsgebiete, seien es Ballungsräume oder die Provinz. In unseren Flughäfen wurden im Vorjahr 2019 laut Statista  knapp 248 Millionen Passagiere gezählt, dreimal so viel Menschen, wie Deutschland Einwohner bevölkern. Im Jahr 2020 haben sie kaum mehr etwas zu tun, ihre Kapazitäten liegen weitgehend brach! Wie die Tagesschau in Ihrem Online-Beitrag „Reisen in der Corona-Krise“ unter Berufung auf die Deutsche Flugsicherung (DFS)  berichtet, hat die Zahl der Flüge um 85 Prozent abgenommen, und der Flughafenverband ADV meldet in „Aktuelle Verkehrszahlen“ für den September 2020 einen Rückgang der Ab- und Anflüge um 80,7 Prozent auf knapp 4,7 Millionen. Von Januar bis September liegt damit laut ADV das Passagieraufkommen mehr als 70 Prozent unter dem Vorjahresniveau, das entspreche 135 Millionen fehlenden Passagieren.

Flughäfen als sichere Impfzentren

Da drängt sich die Frage auf, warum diese frei gewordenen Kapazitäten der Verkehrsflughäfen nicht für die massenhafte Impfung von Millionen Menschen genutzt werde, statt deren wirtschaftliches Überleben eine ungewisse Zeit lang mit Abermillionen an Steuermitteln zu subventionieren – und weitere Millionenbeträge für die Errichtung von zusätzlichen Impfzentren zu verschleudern, die nach Abflauen der Corona-Pandemie niemand mehr braucht. Denn:

Flughäfen haben eine zumeist hervorragende Infrastruktur, ausgelegt auf die bequeme An- und Abreise, sei es mit dem öffentlichen Nahverkehr, dem eigenen Auto oder mit Reisebussen, und sie sind ausgelegt auf die massiven Kommunikationsbedürfnisse per Mobiltelefon und Internet-Dienste via WLAN.

Flughäfen halten bereits alle Einrichtungen vor, die zur Bewältigung von Menschenmassen unabdingbar sind, selbst die sicherheitsrelevanten: Optische, mechanische und akustische Menschenführungssysteme, elektronische Abfertigungsgeräte, (Self-) Check-in-Schalter zur Authentifizierung und Identifizierung der Individuen, medizinische, gastronomische und sanitäre Infrastruktur (einschließlich Wickelräumen für Babys). Sie bieten passiven und aktiven Objektschutz sowie Wachdienste, atmen durch Klimaanlagen mit Feinfiltern, die auf die Abgase von Menschenmassen ausgelegt sind, sie bergen gesicherte Lagerflächen für Impfstoffe (samt Tiefkühlanlagen) und Verabreichungsmaterial, haben Dächer und Wände gegen Wind und Wetter, Beleuchtung gegen Winter-Depressionen, Ruheräume für (medizinisches) Personal, bieten Polizei-Präsenz und Durchleuchtungs- und Videoüberwachungseinrichtungen, um Attentaten auf Impfwillige zu begegnen, dienen mit medizinischer Notfallversorgung, Shopping-, Unterhaltungs- und Informations-Angeboten.

Flughäfen sind vergleichsweise sichere und menschenfreundliche Orte.  

Und da sollen mit Tiefkühleinrichtungen nachgerüstete Bundeswehr-Kasernen „jwd“ die bessere Alternative sein?

Wenn im Dezember 2020 die Impfkampagne gegen CoVid-19 beginnen soll, dann muss eine konzertierte Aktion von Bund und Ländern – letztere haben die Hoheit über die Flughäfen – diesen Schatz an Liegenschaften gemeinnützig heben. Und Arbeitsplätze wird ein solches Unterfangen ebenfalls bewahren, sei es beim Personal vor Ort oder in den vielen Reisebüros, die derzeit nur noch Büros sind, weil es kaum mehr Reisen zu vermitteln gibt: Wie wäre es mit einem Kurztrip zum Impfen für die ganze Familie, die Peer-Group, die Firmen-Abteilung, das Praxis-Personal, den Löschzug? Die ebenfalls bereits vorhandene Online-Buchungs-Technik würde elegant und preiswert ein weiteres logistisches Problem lösen – kein Massenansturm auf Impfzentren! Also keine Flash-Mobs, keine Querdenker-Aufmärsche, sondern ruhiges und zielgerichtetes Planen, Buchen, Abwickeln. Und: Eine Impfung ist dann über ein Reise-Portal genauso einfach zu buchen und gegebenenfalls zu bezahlen, wie das Buchen eines Städte-Trips: Kein Anstehen, kein Arbeitsausfall durch sinnlose Warterei, kein Antreten ohne gültige Papiere.

Impfen statt Fliegen!

Die Einrichtungen sind vorhanden, sie brauchen nur eine Zeit lang umgewidmet zu werden, denn ihre brach liegende Kapazität reicht locker aus, um eine erste Impfung der gesamten Bevölkerung in wenigen Monaten durchzuführen, und mit etwas Nachdruck auf eine zweite – egal, welcher Impfstoff das Rennen machen wird. Angeliefert werden die Impfstoffe, auch das ein Vorteil, ohnehin per (Fracht-) Flugzeug werden – und dort oben, wo die auf Strecke gehen, da ist´s schon ohne Kühlaggregat kalt genug, dass auch der wärmeempfindliche Biontech-Pfizer-Stoff keinen Schaden nimmt.

Und: Diese Lösung braucht kein deutscher Sonderweg zu sein, denn Flughäfen gibt es rund um die Welt. Man muss sie nur zu nutzen wissen.

4 Kommentare

  1. Ich find das ist eine hervorragende und optimale Lösung,man könnte dadurch auch Gelder die für andere Einrichtungen geplant sind sinnvoller einsetzen.

  2. Die Idee ist grundsätzlich gut. Fast alle Argumente sprechen dafür, doch fürchte ich viele werden doch eine längere Anreise haben und etwas gleichgültige Zeitgenossen die Impfung nicht wahrnehmen. Andere wiederum werden sich gar nicht impfen lassen. Ich selbst bin im Moment noch unentschlossen.

  3. Ein überraschend naheliegender und sehr durchdachter und überzeugender Vorschlag,
    vor allem für die Ballungszentren. Wahrscheinlich aber leider schon zu spät wegen des
    dafür benötigten Abstimmungsvorlaufs zwischen staatlichen Instanzen
    und privatwirtschaftlichen Unternehmen zu Verfahrensweise und Kompetenzen.
    Der medial (aber auch politisch) aufgebaute Erwartungsdruck auf die schnellstmögliche
    Bereitstellung einer „rettenden“ Impfung, wird vermutlich eher zu eventuell weniger
    geeigneten Möglichkeiten und mit größerem Chaospotential greifen lassen.

  4. Nur mal so zum Nachdenken über das oben geschilderte totale Luxusproblem:

    Die Hersteller weigern sich bisher, sie Impfstoffe dezentral an vielen Orten der Welt herstellen zu lassen. Die WHO hat das vorgeschlagen, u.a. die EU sträubte sich dagegen. Es kann also dauern, bis die 162 Millionen Impfdosen für Deutschland überhaupt hergestellt sind.

    Über die Inhalte der Lieferverträge wissen wir gar nichts. Die sind geheim, obwohl die EU und die Bundesregierung die Forschung an den Impfstoffen bereits mit Steuermilliarden finanziert haben. Deshalb wissen wir auch nicht, wann wieviele Impfdosen an wen geliefert werden. Vielleicht sind es ja so kleine Chargen, des es ganz locker beim Hausarzt des Vertrauens geht.

    Gerechte Verteilung: Wollen wir wirklich die Menschen im globalen Süden wieder einmal allein lassen, nur damit wir – und nur wir – unsere angeblichen demokratischen Rechte (Kneipen-, Kino-, Partybesuche) in unseren komfortablen Wohnorten wahrnehmen können? Die fünf reichsten Länder der Welt (eben auch D’land), 13% der Erdbevölkerung, haben schon die Hälfte aller Impfdosen für sich geordert. COVAX, die Spendenorganisation zur Impfunterstützung armer Länder, hat Mühe überhaupt Geld zusammenzubekommen (von der EU gerade einmal 800 Millionen = 400 Millionen Dosen für 200 Millionen Menschen). Bei der Gesundheit und beim Überkonsum hört die Solidarität offenbar auf.

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