MINT: Europa muss US-Modell nicht nachahmen

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Cubesat
Das CEITEC BUT bietet in Brünn ein forschungsorientiertes Umfeld. Foto: Vaclav Konicek, © CEITEC
Das erst vor 15 Jahren, am 6. Juni 2011, gegründete Central European Institute of Technology (CEITEC) zählt bereits zu den führenden Einrichtungen im Bereich der Grundlagenforschung. CEITEC ist eine Bildungs- und Forschungseinrichtung in Brünn, Tschechische Republik. Sie ist spezialisiert auf Life Sciences, fortgeschrittene Materialien und Nanotechnologie. CEITEC zieht Doktoranden aus aller Welt an. TELI-Vorstandsmitglied Peter Knoll sprach mit Professor Radimir Vrba, Direktor des CEITEC BUT, über die erfolgreiche Strategie des CEITEC.
Radimir Vrba, CEITEC BUT
Professor Vrba: Europa muss seinen besten Institutionen die Voraussetzungen geben, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Foto: Jitka Janu, © CEITEC

Peter Knoll: Professor Vrba, am CEITEC gibt es bemerkenswert viele internationale Doktoranden, darunter auch einige von außerhalb Europas. Welche Vorteile bietet CEITEC im Vergleich zu anderen Universitäten?

Radimir Vrba: Das CEITEC ist ein Forschungsinstitut, das von einem Konsortium aus sechs Universitäten und Forschungsinstituten unter der Koordination der Masaryk-Universität gegründet wurde. Die Masaryk-Universität (MU) und die Technische Universität Brünn (BUT) spielten dabei eine Schlüsselrolle. Alle Konsortiumspartner sind auf www.ceitec.eu zu finden.

Wir sprechen hier nur über den Teil des CEITEC, der sich an der BUT befindet, mit rund 470 Mitarbeitern und etwa 130 Doktoranden. Die Hauptaufgabe des CEITEC ist die Forschung mit enger Anbindung an die Doktorandenausbildung. Das CEITEC bietet Doktoranden ein stark international ausgerichtetes, forschungsorientiertes Umfeld, Zugang zu modernster Infrastruktur und die Möglichkeit, in interdisziplinären Teams und wettbewerbsfähigen europäischen Forschungsnetzwerken mitzuarbeiten. Für junge Forscher ist diese Kombination aus fortschrittlichen Einrichtungen, internationaler Betreuung und enger Einbindung in Forschungsprojekte ein großer Vorteil.

CEITEC-Labor
Das CEITEC bietet Forschenden ausgezeichnete technische Voraussetzungen. Foto: Peter Knoll

Peter Knoll: In Tschechien lag die durchschnittliche Inflationsrate allein in den letzten fünf Jahren bis Ende 2025 bei 6,9 Prozent*. Laut übereinstimmenden Berichten von Studierenden hier sind insbesondere die Kosten für Wohnen und Essen drastisch gestiegen. Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um sicherzustellen, dass sie sich das Leben hier weiterhin leisten können?

Radimir Vrba: Sie haben Recht, die Lebenshaltungskosten in Brünn sind gestiegen, insbesondere die Kosten für Wohnen und den täglichen Bedarf. Als Reaktion darauf wurde das garantierte Doktorandeneinkommen im Vergleich zum vorherigen Niveau um 60 Prozent erhöht. Viele Doktoranden erhalten sogar mehr, insbesondere wenn sie an geförderten Forschungsprojekten beteiligt sind. Aktuell halten wir diese Unterstützung für ausreichend, um Doktoranden einen angemessenen Lebensunterhalt zu ermöglichen – auch wenn uns bewusst ist, dass die Erschwinglichkeit des täglichen Lebens weiterhin Priorität haben muss.

Geringe Nachfrage für MINT-Studiengänge

Peter Knoll: Die Tschechische Republik blickt auf eine lange und ruhmreiche Tradition als Industriestandort zurück; einst galt sie als das industrielle Herzland der Habsburger Monarchie. Dennoch wurde in der Diskussion zwischen EUSJA-Delegierten und CEITEC-Mitgliedern eine alarmierende Studie erwähnt, der zufolge nur 21 Prozent der weiblichen Abiturienten ein MINT-Studium in Erwägung ziehen. Das ist deutlich weniger als in Deutschland und anderen EU-Ländern. Was ist hier geschehen? Wohin führt diese Entwicklung? Wie plant CEITEC, dem entgegenzuwirken?

Radimir Vrba: Ich möchte klarstellen, dass ich bei diesem Teil der Diskussion leider nicht anwesend war und daher weder die konkrete Studie noch die erwähnten Zahlen kommentieren kann. Meines Wissens bezog sich die Aussage eher auf das geringere Interesse an MINT-Studiengängen unter Abiturienten in der Tschechischen Republik im Vergleich zu Ländern wie Deutschland.

EUSJA trifft CIETEC
Internationaler Austausch: CEITEC-Mitglieder treffen EUSJA-Delegierte. Foto: Petra Králová

Die Gründe sind komplex und erfordern eine umfassendere soziologische Analyse. Ich persönlich bin der Ansicht, dass ein wichtiger Faktor die wirtschaftliche Lage ist: Die Einstiegsgehälter in vielen MINT-Berufen in Tschechien sind nach wie vor nicht immer wettbewerbsfähig, insbesondere im Vergleich zu Deutschland oder anderen Karrierewegen auf dem tschechischen Arbeitsmarkt. Wenn junge Menschen keine klare wirtschaftliche oder soziale Belohnung für die Wahl anspruchsvoller technischer oder naturwissenschaftlicher Studiengänge sehen, sinkt ihre Motivation naturgemäß. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte dies den zukünftigen Nachwuchs an Fachkräften für Forschung, Entwicklung und Innovation schwächen. Das wäre ein ernstes Problem für ein Land mit einer so starken industriellen und technologischen Tradition.

Hohe Frauenquote am CEITEC

Am CEITEC sehen wir jedoch ein ermutigenderes Bild. Über 52 Prozent unserer Doktoranden sind Frauen – darauf sind wir stolz. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ein offenes, internationales und unterstützendes Forschungsumfeld zu schaffen, erfolgreiche Wissenschaftlerinnen sichtbarer zu machen und jungen Menschen zu zeigen, dass MINT sinnvolle und attraktive Karrieren bietet. Gleichzeitig erfordern umfassendere Veränderungen in Bildung, Gehältern und der öffentlichen Wahrnehmung technischer Berufe Maßnahmen, die über das CEITEC hinausgehen.

Peter Knoll: Hochschulrankings wie die „Global University Rankings“ vermitteln seit Jahren dasselbe Bild: Universitäten in den USA und im Vereinigten Königreich sollen den besten Universitäten der EU weit voraus sein. Welche Änderungen müsste die Politik vornehmen?

Radimir Vrba: Rankings sind nützlich, aber sie bilden nicht die ganze Realität ab. Die Hochschulsysteme in den USA, im Vereinigten Königreich und in Kontinentaleuropa basieren auf sehr unterschiedlichen finanziellen und gesellschaftlichen Modellen. Einige Spitzenuniversitäten im angelsächsischen Raum verfügen über enorme Budgets und Stiftungsgelder. Dies ist jedoch auch mit einem System verbunden, in dem viele Studierende die Universität mit erheblichen Schulden verlassen. Das ist kein Modell, das Europa einfach kopieren sollte.

Angloamerikanische Universitäten keine Blaupause für Europa

Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Bei verschiedenen Indikatoren – etwa Nobelpreisen, bahnbrechender Forschung, Unternehmensgründungen, privaten Investitionen und der Fähigkeit, globale Talente zu gewinnen – hinkt Europa den führenden US-Einrichtungen noch hinterher. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Größenordnung. Nur sehr wenige, wenn überhaupt irgendwelche, europäische Universitäten verfügen über Budgets, die mit denen der führenden amerikanischen Universitäten vergleichbar sind.

Für die Politik stellt sich die entscheidende Frage, wie sich Exzellenz stärken lässt, ohne das europäische Prinzip der Bildungsgerechtigkeit aufzugeben. Meiner Ansicht nach erfordert dies eine stabilere langfristige Finanzierung, mehr institutionelle Autonomie, weniger bürokratischen Aufwand, flexiblere Einstellungsmöglichkeiten sowie eine stärkere Vernetzung von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Industrie und Investoren. Europa muss das US-Modell nicht nachahmen, aber es muss seinen besten Einrichtungen die Voraussetzungen schaffen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Peter Knoll: Den neuesten verfügbaren Zahlen von Eurostat** zufolge gehört die Tschechische Republik zu den EU-Ländern, die im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt weniger in Bildung investieren als der EU-Durchschnitt. Welche Auswirkungen hat dies auf Ihre Arbeit als Universität?

Radimir Vrba: Zahlen, die als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts ausgedrückt werden, sind zwar wichtig, können aber bei isolierter Betrachtung auch etwas irreführend sein. Sie spiegeln nicht vollständig die Unterschiede bei Gehältern, Lebenshaltungskosten, nationalen Wirtschaftsstrukturen oder der Art und Weise wider, wie Bildung und Forschung in den jeweiligen Ländern finanziert werden.

Porträt Radimir Vrba
Professor und Ingenieur Radimir Vrba ist zurecht stolz auf die in kurzer Zeit erreichten Ergebnisse des CEITEC. Foto: Vaclav Konicek, © CEITEC

Dennoch ist die Situation in der Tschechischen Republik sicherlich nicht ideal. Eine stabilere und verlässlichere öffentliche Finanzierung würde es Universitäten und Forschungseinrichtungen ermöglichen, strategisch zu planen, in Personal zu investieren und eine qualitativ hochwertige Infrastruktur zu erhalten. Für ein Forschungsinstitut wie CEITEC bedeutet die begrenzte institutionelle Finanzierung, dass wir stark auf wettbewerbsorientierte Fördermittel und internationale Projekte angewiesen sind.

Gleichzeitig ist die Finanzierung nur ein Teil des Problems. Es sind auch strukturelle Veränderungen erforderlich, darunter Verbesserungen am tschechischen Rahmen für die Hochschul- und Forschungsfinanzierung. Trotz dieser Einschränkungen sind die Gesamteinnahmen von CEITEC stetig gestiegen – vor allem, weil wir international wettbewerbsfähiger geworden sind und mehr Fördermittel eingeworben haben. Das ist ermutigend, doch langfristige Exzellenz erfordert sowohl eine starke internationale Wettbewerbsfähigkeit als auch ein solideres nationales Fundament.

Wettbewerbsvorteile in Teilbereichen nutzen

Peter Knoll: Durch Investitionen in Milliardenhöhe in Exzellenzuniversitäten und Forschungsnetzwerke ist es Deutschland gelungen, sicherzustellen, dass zumindest einige Universitäten zu den Top 50 – oder sogar Top 20 – gehören, darunter meine Universität, die TUM. Strebt CEITEC an, weltweit führend zu werden, und wenn ja, wann?

Radimir Vrba: In gewisser Weise enthält die Frage bereits einen Teil der Antwort. Deutschland hat diese Position durch langfristige, umfangreiche Investitionen in Exzellenzuniversitäten und Forschungsnetzwerke erreicht. Das gesamte tschechische Hochschulbudget ist natürlich nicht mit den Mitteln vergleichbar, die Einrichtungen wie der TUM oder der RWTH Aachen zur Verfügung stehen. Für das CEITEC besteht das realistische Ziel daher nicht darin, auf jedem Gebiet weltweit führend zu sein, sondern in ausgewählten Bereichen, in denen wir einen klaren Wettbewerbsvorteil haben, ein Institut von Weltrang zu werden.

Die Nanotechnologie ist ein Schwerpunktbereich der Forschung am CEITEC BUT.
Die Nanotechnologie ist ein Schwerpunktbereich der Forschung am CEITEC BUT. Foto: Peter Knoll

Moderne Wissenschaft ist eng mit dem Zugang zu Finanzmitteln und Infrastruktur sowie der Fähigkeit verknüpft, exzellente Fachkräfte zu gewinnen. Ohne Ressourcen in der Größenordnung, wie sie in Deutschland oder den USA zur Verfügung stehen, muss man strategisch vorgehen.

Ja, das CEITEC strebt also an, in bestimmten Forschungsbereichen zu den führenden internationalen Einrichtungen zu gehören. In einigen dieser Bereiche sind wir bereits äußerst wettbewerbsfähig. Unser Ziel ist es, diese Position in den kommenden Jahren durch gezielte Investitionen, internationale Zusammenarbeit und die Gewinnung herausragender Forschender zu stärken.

Peter Knoll: Vielen Dank fĂĽr das Interview, Professor Vrba und weiterhin viel Erfolg!

(Aus dem Englischen ĂĽbersetzt von Peter Knoll. Originaltext unter www.eusja.org)

Quellen:

* Inflationsentwicklung in Tschechien, https://www.laenderdaten.info/Europa/Tschechien/inflationsraten.php

** Public expenditure on education by education level and programme orientation – as % of GDP, https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/educ_uoe_fine06__custom_17707850/bookmark/table?bookmarkId=8e443487-2f8d-445b-8e65-9d3bd7aec0e0&c=1754910983970

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