Digitale Souveränität ist erreichbar, jedoch nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt und im europäischen Verbund. Das war die zentrale Botschaft einer Podiumsdiskussion, die die TELI im Rahmen der it-sa, der international größten Fachmesse für IT-Sicherheit, organisiert und durchgeführt hatte

Nürnberg, 29. Oktober 2026 – An der Podiumsdiskussion nahmen auf Einladung der TELI teil: Oliver Paetz, Leiter Sicherheitsmarketing bei Retarus, Richard Werner, Sicherheitsberater bei TrendAI, und der finnische freie Journalist Jani Ahosola. Er kam auch als Vertreter der EUSJA (Europian Union of Science Journalists), der die TELI ebenfalls angehört. Die Runde moderierte Peter Knoll, Mitglied des TELI-Vorstands und langjähriger IT-Fachzeitschriften-Redakteur und Systemadministrator.
Nach der Begrüßung durch den TELI-Vorsitzenden Arno Kral führte Knoll mit der Begriffsdefinition der Bundesdruckerei in das Thema ein:

Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit, digitale Systeme, Prozesse und Daten selbstbestimmt zu gestalten, zu betreiben und zu kontrollieren. Sie konkretisiert sich in vier zentralen Säulen – Governance, technische Souveränität, operative Souveränität und Datensouveränität.
Auf der Ebene der Governance gehe es darum, dass die EU ihr Recht durchsetzen und von Entscheidungen anderer Staaten unabhängig bleiben könne. Offen ließ Knoll dabei, ob technische Souveränität zwingend ausschließlich eigene Lösungen erfordert. Die operative Souveränität verlangt, digitale Prozesse eigenständig betreiben zu können. Die Datensouveränität schließlich fordert volle Hoheit über die eigenen Daten – für viele Teilnehmer die zentrale Säule.
Das Podium stimmte dieser Einordnung grundsätzlich zu und ergänzte sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Ahosola mahnte Vorsorge an, denn wenn Systeme ausfielen, brauche es funktionierende Alternativen. Werner stellte die Frage, wie sich Daten kontrollieren lassen, die in Rechenzentren fremder Anbieter liegen. Paetz richtete den Blick auf Zugriffsrechte und Identitäten, insbesondere mit Blick auf KI-Agenten, die zunehmend eigenständig auf Systeme und Daten zugreifen.
Freiheit der Wahl

In seinem Impuls beschrieb Werner Souveränität als Freiheit der Wahl aus unterschiedlichen Angeboten und als Schutz vor Isolation. Ihr Fundament sei die Cybersicherheit. Da das Internet keine Grenzen kenne, lasse sich eigenes, also nationales Recht gegenüber allen Akteuren kaum vollständig durchsetzen. Werner plädierte für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen EU und Ländern wie Japan, die die gleichen Werte etwa bezüglich der Persönlichkeitsrechte teilten. Seine zentrale Botschaft: Digitale Autarkie ließe sich in der EU nur zu immensen Kosten für Unternehmen und Verbraucher erreichen und sei vor allem im Bereich der IT-Sicherheit auch gar nicht sinnvoll. Für die Mehrzahl der international aktiven Firmen sei es auf absehbare Zeit gar nicht möglich, rein europäische IT-Lösungen einzusetzen.
Souveränität sei daher eine Frage des Grades, den jede Organisation entsprechend ihrer Marktbindung selbst bestimme.
Große Lücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung

Paetz betonte die Bedeutung, Daten in Europa und bei europäischen Anbietern zu hosten, sowie die Rolle der Datenschutzgrundverordnung. In der Unternehmenspraxis sei davon allerdings oft noch wenig zu sehen. Das Bewusstsein sei grundsätzlich vorhanden, die entsprechenden Handlungen wiesen jedoch in die gegenteilige Richtung – wie eine aktuelle Umfrage von Retarus belege. Wie es wirklich um die digitale Souveränität eines Unternehmens steht, lässt sich, so Paetz, mit einer Checkliste prüfen, die sein Unternehmen anbietet.
Ahosola zog die Fäden aus wissenschaftsjournalistischer Sicht zusammen. Digitale Souveränität sei eine Aufgabe der EU als Ganzem. Finnland steuere mit Anbietern wie Jolla, WithSecure, Nokia und IQM wichtige Bausteine bei. Zugleich zeigten dortige Beispiele die bestehenden Abhängigkeiten: Teile der Sozialversicherungsdaten sollten ursprünglich in Clouds US-amerikanischer Firmen wandern, und die geplante Speicherung der Wahldaten auf Amazon Servern in Schweden wurde im Frühjahr ausgesetzt.

Als zentrale Lücken nannte er die Finanzierung und Servicequalität europäischer Alternativen, die Zersplitterung des Angebots gegenüber Komplettpaketen wie dem von Microsoft sowie die Abhängigkeit bei der Hardware. Das Dresdner Werk ESMC gehöre mehrheitlich TSMC und solle ausgereifte Chips für Auto und Industrie fertigen – keine modernste Highend-Technologie. Die europäische Technikproduktion hänge weiterhin an den USA, China, Taiwan und Korea. Trotzdem sah Ahosola Europa auf dem richtigen Weg, wenn auch auf einer längeren Strecke. Als Stärken nannte er ein hohes öffentliches Bewusstsein, strengen Datenschutz und Institutionen, die dem Lobbying außereuropäischer Konzerne standhielten.
Daraus leitete er sechs Handlungsfelder ab:
- Europäische Alternativen bei IT-Diensten bevorzugen.
- Die Zusammenarbeit europäischer Anbieter stärken.
- Das öffentliche Bewusstsein für europäische Angebote schärfen.
- Auf Transparenz, Vertrauen und Qualität setzen.
- Als Verbraucher mit dem Geldbeutel abstimmen und von der Politik dieselbe Priorität für europäische Lösungen einfordern.
- Lieferketten von außereuropäischen Quellen lösen und eine Chipproduktion auf Spitzenniveau in Europa aufbauen.

Diese Punkte eröffneten eine lebhafte und wertschätzende Diskussion. Alle Diskutanten trugen die Ansätze in Abstufungen mit und setzten aus Sicht ihrer Unternehmen eigene Akzente: Während Richard Werner auch aufgrund historischer Erfahrungen vor einer Abkopplung der EU vom Weltmarkt warnte, forderte Jani Ahosola entschiedenes, rasches Handeln. Zwischen beiden Polen argumentierten Oliver Paetz und Peter Knoll. Letzterer verwies auf die bahnbrechenden technischen Innovationen in der EU, aktuell beispielsweise bei der Entwicklung von Halbleitern durch CEITEC aus dem tschechischen Brno. Für Knoll sind identische Werte wie das gemeinsame Verständnis der Urheber- und der Persönlichkeitsrechte, weniger regionale Aspekte, entscheidend, ob die digitale Souveränität gemeinsam mit Nicht-EU-Staaten erreichbar ist.
Nach einer Runde mit Fragen aus dem Publikum, etwa zum von Nokia in Finnland geführten Projekt ICEYE als Europäischer Alternative zu Musks Satellitenfunknetz Starlink, fasste jeder Teilnehmer in der Schlussrunde seine Einschätzung zusammen.
Fazit: Digitale Souveränität ist kein „Alles oder Nichts“, sondern ein gradueller Prozess. Er verlangt resilientere technische Alternativen, klare Kontrolle über Daten und Identitäten sowie eine engere europäische Kooperation von Anbietern, Verbrauchern und Politik gleichermaßen. Mit den Dankesworten von Arno Kral endete die gut besuchte Veranstaltung nach knapp einer Stunde. Die Anregungen werden die Besucher noch eine Weile begleiten und manchen vermutlich zum Handeln bewegen.











