TELI Buch-Empfehlungen zu Weihnachten 2019

Alle Jahre immer wieder gerne! Als Auftakt zu den Festtagen finden Sie auch diesmal wieder Tipps zu Büchern, die um Wissenschaft, Forschung und Technologie kreisen, mit markant gesellschafts-politisch-philosophischem Spin. Der TELI Vorstand wünscht viel Freude bei der Lektüre, hilfreiche Reflexionen, Navigation und Aufspurung, dabei frohe Weihnachten und einen beherzten Rutsch ins Jahr 2020! — Ihr Rezensent, Wolfgang Chr. Goede.

Post-X-Krise

Irgendwie wird die Wissenschaft nicht mehr glücklich mit sich selbst. Ortwin Renn ist ein verdienter deutscher Wissenschaftler, einer der Paten der Risikofolgenabschätzung, ein mutiger Denker und Streiter, der Partizipation der Zivilgesellschaft in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, u.a. mit dem komplizierten Begriff „deliberativ“, was Teilhabe von Bürgerinnen und Bürger an der Demokratie, dem Gemeinwohl, auch Wissenschaft ausdrückt. In seinem neuesten Buch „Gefühlte Wahrheiten“ will er „Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung“ (Untertitel) liefern. Der „postfaktischen Kommunikation“, dem „Post-Erfahrungs-Dschungel“, der „Post-Glaubwürdigkeitsfalle“, dem „Post-Informations-Dilemma, dem „Post-X-Verstrickungen“ (so die Kapitelnamen) setzt er Anleitungen für den Umgang mit der „Post-X-Krise“ und der „Post-X-Gesellschaft“ entgegen. Seine drei Ansätze dafür sind: klassisch und neugier-getrieben, aber aus dem Elfenbeinturm heraus; zielgebunden und instrumentell (wozu sich auch die umstrittene Auftragsforschung zählen ließe, worauf der Autor allerdings nicht eingeht); KATALYTISCH (Renns Favorit), d.h. prozess-, ko-kreativ-, partizipativ-getrieben, unter Einbezug aller Stakeholder, bis am Ende die Politik eine Entscheidung fällt, womit das Deliberativ-Design vollendet wird als Grundelement der repräsentativen Demokratie. Letzteres liest sich schlüssig, ist demokratiepolitisch absolut top, wird Renns Beispielen zufolge praktiziert, mit guten Ergebnissen, wenngleich langwierige und komplizierte Verfahren damit einhergehen, mit etlichen Kompromissen sowie den notwendigen Mehrheitsvoten. Ist mit der Abstimmung über Forschung und ihrer Umsetzung das Zeitalter wissenschaftlicher Wahrheit vorbei, für die sich Renn insgesamt vehement einsetzt? Oder beginnt sie damit erst ihre demokratiepolitische Blüte? Der Buchtitel, lieber Autor, liebes Lektorat – Absicht oder nicht, feuilletonistische Spielerei oder Versehen – bleibt doppeldeutig …

Ortwin Renn: Gefühlte Wahrheiten. Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung. Verlag Babara Budrich. Opladen, Berlin, Toronto 2019. 19,90 €
https://shop.budrich-academic.de/produkt/gefuehlte-wahrheiten/?v=3a52f3c22ed6

Hängepartie

Wer viele Sachbücher über Wissenschaft in sich hineinfrisst, stürzt sich ausgehungert auf die Romane darüber. So war es fast nur ein Reflex, als der Rezensent auf Radio Bayern 2 eine spannende Würdigung des „Honiganzeigers“ hörte und er beim Hugendubel sofort ein Ansichtsexemplar bestellte (jawohl, er ist dem Buchhandel treu und weiß dessen freundliche und kundige Bedienung sowie Service sehr zu schätzen!). Wirtschaftspolitische Science-Fiction vom Feinsten: Deutschland im Jahr 2028, die EU ist kaputt, Frankreich und Deutschland liegen am Boden, die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre und Weimar werfen lange Schatten, ganze Regionen Europas sind pleite und werden von selbstherrlichen internationalen Oligarchen aufgekauft. Der Diplomat Till von Herlichingen soll Deutschland vor diesem Schicksal retten. Die ersten 80 Seiten las der Rezensent noch im Buchgeschäft, wie im Fieber. Kein Zweifel, das Buch fraß ihn, also gekauft. Doch kaum lag es daheim auf dem Couchtisch, begann es zu langweilen: zu stereotyp die Charaktere, zu verflochten die Handlung – Science hin, Fiction her, einige Passagen erschienen zu phantasievoll-unrealistisch. Jetzt liegt der Thriller der Publizistin, Journalistin und Finanzexpertin Sibylle Barden seit Wochen bei Seite 149 aufgeschlagen und harrt der restlichen 276 Seiten. „Was mit einer vergilbten Gittermappe vom Außenminister beginnt, mündet im faustischen Endspiel um die Welt und um Till von Herlichingens Seele“, lockt der Buchteaser auf der schwarzen Rückseite. Ich denke, ich blättere zu Teil II weiter und hoffe auf das erfrischend-reinigende Erlebnis eines Neustarts.

Sibylle Barden: Der Honiganzeiger. Barden Publishing 2019. 18,90 €
https://www.bod.de/buchshop/der-honiganzeiger-sibylle-barden-9783749424573

Zeitscheibchen

Entspannender als Yoga! Dies ist ein tolles Büchlein mit kleinen Zeithäppchen für Zwischendurch. Innerhalb von Minuten gelesen, aber mit riesig Tiefgang: Wie man in einer sich immer mehr beschleunigenden Zeit zur Einkehr findet, mit erbaulichen Stories aus der ganzen Palette des Lebens und der Kunst, in denen Geduld im Zentrum steht und Lebenswerke mitunter Jahrzehnte dauerten, mitunter sogar die halbe Ewigkeit. Das geht schon gut los gleich am Anfang. Wie ein französischer Landbriefträger mit Steinen und Muscheln, die er am Wege bei seinen Botengängen auflas, in „10 000 Tagen, 93 000 Stunden, 33 Jahren Anstrengung“ – so die Inschrift auf seinem Architekturwerk – den „Palais idéal“ errichtete und damit sich in die Kunstgeschichte einschrieb. Insgesamt 28 Geschichtchen, mit viel Liebe geschrieben und jeweils mit der deutlichen Botschaft: Leute, haltet inne, so wie die Helden in diesem Buch, die der Sklaverei der Zeit widerstanden und damit große Denkmäler des freischaffenden Menschengeistes schufen.

Thomas Girst: Alle Zeit der Welt. Carl Hanser Verlag, 2019. 17 €
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/alle-zeit-der-welt/978-3-446-26187-7/

Empathie!

Im November jährte der 10. Todestag des Nationaltorwarts Robert Enke. Er litt unter Depressionen und hatte sich vor einen Zug geworfen. Das schlug hohe Wellen, bis ins fußballbegeisterte Kolumbien. Doch schnell ging der Sport wieder zur Routine über. Mentale Gesundheit – gut, wenn sie zum Siegen taugt! Aber sonst … Mit ihren psychischen Problemen werden die Athleten alleine gelassen. Das beschreibt der Roman „Schlagmann“ der Sportjournalistin Evi Simeoni, die eine wahre Sporttragödie nachstellt. Der Ruderolympionik Bahne Rabe, der 1988 mit seinem Achter Gold gewann, hungert sich in dreizehn langen Jahren zu Tode. Keiner kann oder will etwas dagegen unternehmen. Der preisgekrönte Roman erschien bereits 2012 und erlebt derzeit die dritte Auflage. Ein Wachrüttler für Sportwissenschaftler, immer noch!

Evi Simeoni: Schlagmann. Klett-Cotta 2012. 20 €
https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Schlagmann/26883

Durchrüttler

Seit der Französischen Revolution halten wir deren Nachkömmlinge für die besten Polit-Philosophen. Raphaël Glucksmann setzt dem noch ein Attribut hinzu: die am besten zu verstehenden und feurigsten! In seinem Appell „DIE POLITIK SIND WIR!“ verlangt er einen radikalen Neustart unseres Denkens und Politikverständnisses. Das ist angesichts der Krisen auf unserem Erdball und der Vertrauenskrise gegenüber den etablierten Machtzirkeln berechtigt. In seiner Forderung nach einem neuen Gesellschaftsvertrag postuliert er, dass die Bürger wieder die Kontrolle übernehmen müssen, wenn die Demokratie nicht zu einer Aristokratie degenerieren solle. Sein Mittel dagegen: Bürgerpartizipation, Bürgerbeteiligung, Bürgerkonferenzen. In Punkt zwei seines Manifestes verlangt Glucksmann ein Grundeinkommen und einen allgemeinen Zivildienst, in Punkt fünf einen Fiskalpakt mit einer Umverteilung. Alles wunderbar flüssig und sehr bildhaft formuliert. Doch wo ist das Neue, das Fleisch, von mir aus auch der Tofu? Der deutsche Titel scheint gegenüber dem Original „Les enfants du vide“ (Die Kinder der Leere) von der Wende abkopiert. Da hat Peter Finke in seiner Keynote zum 90. Jubiläum der TELI „Abschied von einem Zeitalter“ schlichter, aber ergreifender formuliert, was zu tun ist.

Raphaël Glucksmann: DIE POLITIK SIND WIR! Carl Hanser Verlag 2019. 18 €
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-politik-sind-wir/978-3-446-26400-7/

how to

Wer hätte gedacht, dass es so viele Möglichkeiten gibt, einen Fluss zu queren: etwa denselben einzufrieren oder zu verdampfen. Der legendäre Bestsellerautor von „what if“ legt hier seinen nicht minder lesenswerten „how to“ vor. Sprachlich leicht und mit Humor, angereichert mit erklärenden Comics, führt er seine Leserschaft durchs Reich der Technik- und Naturwissenschaften und fixt sie damit an. „Holy cow!“, um trockenen Fußes durch den Kansas River zu schreiten, wären 300 Millionen Teekessel vonnöten, hat der Autor errechnet, in seinem vorherigen Leben ein NASA Roboteringenieur. Um die Kocher mit elektrischem Saft zu versorgen, würde freilich das US-Stromnetz zusammenbrechen. Gleichzeitig würde eine Dampfsäule bis in die Stratosphäre hochschießen, wie bei einem Vulkanausbruch oder Atombombenexplosion. Solche originellen Gedankenspielchen dekliniert der Autor an 28 Themen durch, etwa „Wie man’s hinkriegt, eine Poolparty zu schmeißen“, „sein Haus am Umziehen zu hindern“, „eine Wahl zu gewinnen“, letztes Kapitel: „ … dieses Buch zu entsorgen“. Ein Rundum-Lese- und Schmunzel-Genuss, der die Spiegel-Fact-Checker vermutlich ins Schwitzen brächte!

Randall Munroe: how to. Wie man’s hinkriegt. Penguin 2019. 16 €
https://www.randomhouse.de/Paperback/HOW-TO-Wie-mans-hinkriegt/Randall-Munroe/Penguin/e547637.rhd

Weconomy

Physiker und Wirtschaftsmanager können auch anders. Dr. Peter H. Grassmann, Werner-Heisenberg-Promovent und dereinst Carl-Zeiss-Vorstandsvorsitzender, Jena, rechnet in diesem Buch mit der neoliberalen Marktwirtschaft ab. Wir kommen nicht drum herum: „Nachhaltigkeit und ihr Gelingen sind eng vermascht mit Technologie und der von ihr gefütterten Wirtschaft“, könnte ein Twitter-Resümée lauten. Das allein wäre keine neue Erkenntnis, sondern Binse, die seit mindestens einem Jahrzehnt kursiert, ohne dass die Verantwortlichen davon groß Kenntnis genommen hätten. Bemerkenswert fand ich den Schlussappell „Mischt euch ein!“ Darin verlangt der Autor das Aufgeben der politischen Zurückhaltung, „bis hin zum zivilen Ungehorsam“ (S. 233ff). Als Beispiel nennt er „Feldbefreier“, GMO-Gegner (genetically manipulated organisms), die Felder zertrampelten, dafür öffentlichkeitswirksam ins Gefängnis gingen, die daraus noch öffentlichkeitswirksamer freigekauft wurden. Und das Ende der Geschichte? Einem der Unterstützer wurde die Bayerische Staatsmedaille für ein gentechnikfreies Bayern verliehen (erinnert an FJS, der die Wackersdorfprotestler im Stile von Trump beleidigte, damit die grüne Umwälzung in Gang brachte, sodass heute über künftige schwarz-grüne Bündnisse spekuliert wird). Fast komisch, wenn hier nicht mit so harten Bandagen gekämpft würde, siehe auch Grassmanns Hinweis (Drucksache 15/4430-Bayr. Landtag), „dass es zur Lobbyarbeit der Konzerne gehört, den Widerstand gegen ihr Geschäftsmodell kriminalisieren zu lassen“. Sein leidenschaftliches Plädoyer für den bundesweiten Volksentscheid indes möchte man angesichts der Brexit-Luftnummer nicht so ohne Weiteres unterschreiben. Zeigt sie doch, dass Parteien nicht mehr Herr der politischen Lage sind. Aber ob, alternativ, die Vereinigungen der Zivilgesellschaft wirklich „die stärkste Stütze im Kampf für eine faire, nachhaltige Wirtschaftsweise und eine gerechtere Welt“ sind? Vielleicht, wenn alle á la „Fridays for Future“ auf die Straße gingen! Und dafür einträten, economy auf „weconomy“ umzutaufen, was das Buch auch als Titel verdient hätte.

Peter H. Grassmann: Zähmt die Wirtschaft. Ohne bürgerliche Einmischung werden wir die Gier nicht stoppen. Westend Verlag 2019. 22 Euro
https://www.westendverlag.de/buch/zaehmt-die-wirtschaft/

Physicus politicus

Seine Anstreichungen in diesem Buch hat der Rezensent mit 17 Einmerkern markiert. Hundert ziemlich staubtrockene Seiten, sehr akademisch, dabei irgendwie total faszinierend. Weil der Autor mit vielen Zitaten und Verweisen auf bekannte Transformations-Wissenschaftler (Schneidewind, Renn, Grundwald, Finke, Weizsäcker mit seiner Forderung nach Aufklärung 2.0) seine These glaubhaft untermauert: dass Wissenschaft politisch ist und durch eine apolitische Haltung sich aus der Verantwortung für ihr Tun herausstiehlt. Zu diesem Ergebnis kommt der Professor für christliche Sozialethik in mehreren unabhängigen Schleifen, mal eher direkt und mal indirekt und grundsätzlich aus eher philosophischer Erkenntnis. Daraus leitete der Rezensent den Titel Wissenschaft hoch Politik ab oder den “physicus politicus”, wie der Lateiner gesagt haben würde.

Markus Vogt: Ethik des Wissens. Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels. oekom 2019. 12 €
https://www.oekom.de/buch/ethik-des-wissens-9783962381639?p=1

Dark Age

Der Titel dieses Buches ist ziemlich verführerisch. Über mehrere Wochen leuchtete er von den Monitoren der Münchner U-Bahn den Fahrgästen entgegen. Auch bei diesem Traktat geht es um die Problematisierung der Aufklärung und ihren Irrtum, dass mehr Wissen und Information zu besseren Entscheidungen führe, was die Wissensfluten aus dem Internet ad absurdum führen, Zitat: Sie „produzieren keine kohärente Konsensrealität, sondern eine Wirklichkeit, die vom fundamentalistischen Beharren auf simplifizierenden Narrativen, Verschwörungstheorien und postfaktischer Politik zerfressen ist“. Hier leitet sich der Buchtitel „New Dark Age“ her sowie die These: Ähnlich wie der Klimawandel sind die Auswirkungen von Technologie „potentiell katastrophal und eine Folge der Unfähigkeit“, „die vernetzenden Ergebnisse unserer eigenen Erfindungen zu begreifen“. Was folgt, ist das Reycling des Kanons bekannter Gefahren, von der Automatisierung der Arbeitswelt bis zur Datenerfassung. Die Conclusio: „Wir müssen lediglich denken und wieder denken und immer weiter denken.“ Hm?

James Bridle: New Dark Age. Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft. C.H. Beck 2019. 25 €
https://www.chbeck.de/bridle-new-dark-age/product/27871835

Heldenreise

Dieses grün-blaue Doppelpack ist angenehm übersichtlich konzipiert, mit vielen Schaubildern, Info-Kästen, Orientierung schaffenden Zwischenüberschriften, Checklisten, kleinen lustigen Zeichnungen. Das ist für den Leser ebenso so hilfreich wie für Autor und Lektorat aufwändig. Insofern schon mal ein Riesenlob mit dem Hinweis, dass man sich diesen Service in der Fachliteratur viel häufiger wünschte. Dass Storytelling und Heldenreisen mittlerweile nicht nur von Pharma-Vertretern, sondern auch Lobbyisten beherrscht werden müssen, höhlt die narrative Kunst möglicherweise ein wenig aus, gleichwohl die Kernpunkte für eine gute Geschichte knapp und übersichtlich dargestellt werden und auch Forscher inspirieren könnten. Dass Herren mit Anzug, Hemd und Krawatte und Damen im Hosenanzug bei offiziellen Anlässen ein gutes Bild machen, erscheint angesichts der Vielfalt des modernen Dress-Codes ein wenig spießig, ebenso wie der Katalog denkbarer Aktionen (Expertenrunden, Fachgespräche), um auf sich, sein Produkt und seine Botschaft aufmerksam zu machen. So sexy wie die abgedroschene Podiumsdiskussion.

Thorben Prenzel: Lobbyarbeit für Einsteiger. Strategien für die Arbeit vor Ort. Wochenschau Verlag 2019. 12,90 €
 Thorben Prenzel: Lobbyarbeit für Profis. Ein Handbuch für die Landes- und Bundespolitik. Wochenschau Verlag 2019. 12,90 €
https://wochenschau-verlag.de/lobbyarbeit-fuer-einsteiger-2923.html
https://wochenschau-verlag.de/lobbyarbeit-fuer-profis-2928.html

Selbstachtsamkeit

Das scheinbar Einfachste ist für die Meisten das absolut Schwerste: An nichts zu denken und nur dem Wunder des Atmens zu folgen. Die britische Bestsellerautorin und TV-Unterhalterin Ruby Wax ist mit dem Gegenteil intim vertraut. Depressive Verstimmungen halten sie mit Grübelzwängen und Selbstvorwürfen tagelang im Bette fest. Als Ausweg daraus propagiert sie Selbstachtsamkeit. Das ist ein Modethema, ließe sich an dieser Stelle einwenden, welches die Spatzen zusammen mit einem ganzen Katalog von Entstressungsmaßnahmen von den Regenrinnen pfeifen. Gleichwohl bietet dieses fast jovial verfasste Buch viele hilfreiche Tipps, Bilder, Handreichungen. Warum unser Geist im Sekundenrhythmus von einem Thema zum nächsten hüpft? Ein evolutionäres Erbe aus der Zeit, als wir in der freien Natur wohlfeile Beute waren und uns ständig in alle Richtungen absichern mussten. Warum unser Geist einer flockigen Schneekugel gleicht? Die ständige Gedankenflucht, Ablenkung durchs Handy und zunehmender Stress bei der Arbeit bewirken, dass die Kugel unaufhörlich durchgeschüttelt und die Flöckchen verwirbelt werden. Kommt der Geist zur Ruhe, setzen sie sich ab und das Bild in der Kugel nimmt Gestalt an. Die Autorin beschreibt, wie wir fast besinnungslos im Modus eines Autopiloten herumrennen, mit durch Gewohnheit programmierte Tagesabläufe, Empfindungen, Reaktionen – stets in nervöser Unruhe. Wenn wir zur Ruhe kommen, durch Achten auf unseren Atem, setzen sich die umherirrenden Körnchen ab und der Ruhe-Modus kehrt ein. Durch Einhalten, indem wir uns quasi „dem Blasebalg göttlichen Odems“ überlassen, so wie das auch die Meditationslehre beschreibt, werden wir widerstandsfähiger gegen Depressionen, Ängste, Burnout. Alles völlig logisch und im Grunde superleicht. 30 x mit dem Zwerchfell tief durchgeatmet (4 Sekunden ein, Pause, sechs Sekunden aus) und fast schon tiefenentspannt. Auf geht’s!

Ruby Wax: Fix & Fertig. Der Achtsamkeitsguide für Geräderte. Knaur 2018. 12,99 Euro.
https://www.droemer-knaur.de/buch/ruby-wax-fix-fertig-9783426878033

homo RAPTUS

Die Wirtschaft kriegt an diesem Weihnachten ihr Fett weg. In diesem Druckwerk wird der wirtschaftende Mensch sogar mit einem Psychopathen gleichgesetzt. Mit „Homo oeconomicus raptus“ bringt Christian Felber seine Kritik an der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft auf den Punkt. Sie ist ihm viel zu einseitig und dogmatisch, mehr Ideologie als Wissenschaft in ihren Abhandlungen. „Wie seriös wäre ein Lehrbuch über Mobilität, das ausschließlich von Autos mit Benzinmotoren handelt?“, fragt er. Er zitiert „Neufaust“, der die Fixierung der Wirtschaftslehre auf Mathe karikiert: „Habe nun, ach o weh, fünf Jahre lang Mathematik, Statistik und Wirtschaft studiert … bin also nach strenger Regel Gebot ein ausgebildeter Fachidiot.“ Die weitgehende Ausblendung von Hausfrauen- und Mütterarbeit aus der Ökonomie ist für den Autor eine „gewaltförmige Spaltung der Gesellschaft in wertvolle Erwerbs- und wertlose Haus- und Care-Arbeit“. Eine ganzheitliche Wirtschaftswissenschaft, verlangt Felbers, schlägt Brücken zur Ethik, Ökologie und Psychologie, baut auf einer pluralen Theorien- und Methodenvielfalt, ist in demokratische Prozesse eingebettet, verlangt einen „Aristotelischen Eid für Ökonom*innen“ und einen UN-Preis für „holistische Wirtschaftswissenschaft“. Ökonomen wie Helmut Schmidt („Raubtierkapitalismus“) wie auch Wissenschaftskritiker wie Peter Finke (Appell für Transdisziplinarität, Inklusion von Amateurwissenschaftlern) unterschrieben vermutlich viele der Thesen in diesem Buch. Das ruft förmlich nach einem Gesamtwerk, das so dezidiert kritisch den ganzen morschen Elfenbeinturm abklopft.

Christian Felber: This Is Not Economy. Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft. Deuticke 2019. 22 €
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/this-is-not-economy/978-3-552-06402-7/

LSD Comeback

Der Harvard-Dozent und Wissenschaftsautor Michael Pollan berichtet in „Verändere dein Bewusstsein“ über das erstaunliche Comeback von Psychodelika als Medikament gegen psychisch-mentale Störungen. An der Johns Hopkins Universität war Totkranken Psilocybin, der Wirkstoff psychoaktiver Pilze, sogenannter Magic Mushrooms, verabreicht worden. Der Rausch, so die Befunde, hatte den Betroffenen zu „tiefgreifender Akzeptanz“ mit ihrem Schicksal verholfen. Ihr eigenes Ich hatte sich aufgelöst und sie waren mit der Natur und dem Universum verschmolzen, was die Sterbenden als sehr tröstend empfunden hatten. Diese Ergebnisse ermutigten zu weiteren Behandlungen, diesmal von Menschen, die unter Depressionen, Ängsten, Süchten, Zwangsneurosen und Essstörungen litten – auch sehr erfolgreich. Das veranlasste Forscher am Londoner Imperial College 2016 zu ähnlichen Studien an behandlungsresistenten Depressiven. Bereits „nach einer Woche zeigten alle Teilnehmer eine Verbesserung der Symptome, und zwei Drittel von ihnen waren depressionsfrei, manche erstmals seit Jahren“, fasst Pollan die Ergebnisse zusammen. Die Probanden fühlten sich befreit aus einem „geistigen Gefängnis“ mit „endlosen Grübelkreisläufen, die sie mit einem geistigen Verkehrskollaps verglichen“. „Es war, als würde in einem dunklen Haus der Lichtschalter gedrückt“, sagte ein Proband über die Wirkung. Psychodelischen Substanzen reißen das Gehirn aus der durch negative Erfahrungen und Erlebnisse gemachten Routine, erklären Psychodelik-Forscher den Effekt. Es ist, als ob ein frischer Wind die Nervenzellen durchlüftete. Er rüttelt an alten Verbindungen, kappt sie und etabliert neue Muster, im Wissenschaftssprech: „Die neuronale Plastizität erhöht sich.“ Die moderne Psychodelikforschung hat viel gemein mit der Quantenphysik. Deren Experimente verweisen darauf, dass alle Teilchen im Universum auf beinah geisterhafte Weise miteinander in Verbindung stehen und verschränkt sind. Das ist eher ein esoterischer Befund und alle Rationalität, Empirik und Faktizität der Naturwissenschaften haben darauf bisher keine Erklärung dafür gefunden, was Einstein selbst einst als „spukhafte Fernwirkung“ beschrieb. Dieses Verständnis wird jetzt ergänzt durch die tabu-befreiten neueren Erkenntnissen aus Halluzinogenen, deren Gebrauch wir bisher eher Schamanen und Naturvölkern zuschrieben. Gäbe es eine treffendere Weihnachtsbotschaft? Moderne Wissenschaft, Spiritualität und Religion schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich.

Michael Pollan: Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychodelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt. Verlag Antje Kunstmann, 2019. 26 €
https://www.kunstmann.de/buch/michael_pollan-veraendere_dein_bewusstsein-9783956142888/t-0/

German Angst

Leserisch ebenso spannend wie wissenschaftlich kreativ: eine Geschichte der Bundesrepublik, an der Angst entlang geschrieben. Der Historiker Frank Biess hat dieses Unterfangen systematisch an prägenden Ereignissen und Zäsuren heruntergebrochen, etwa Besatzungszeit, Kalter Krieg, 68er Ära, Terrorismus, Friedens- und Umweltbewegung. Er führt viele Beispiele an, wie traditionell Konservative sowie auch derzeit die neue Rechte politisch-gesellschaftliche Umbrüche instrumentalisieren, Bürgerinnen und Bürgern damit Angst einjagen und sie als Wähler zu gewinnen versucht. Peinlich mutet bei dem sorgfältig lektorierten Werk ein Druckfehler an, der die AfD und Alexander Gaulands entlarvende Bemerkung über die Bedeutung des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ zu „Volgelschiss“ verniedlicht. Was bei aller historischer Methodik fehlt, ist die Rolle von Technologie in den Angst-Szenarien. Sie wird leider in politisch-historischen Analysen allzu oft ausgeblendet, wiewohl sie Schrittmacher und Treiber ist. Angst ist ein Risiko wie auch eine Chance, auch in der Politik. „Die erhöhte Angstbereitschaft der Deutschen sensibilisierte sie auch für mögliche Gefahren“, schreibt Biess. „Sie intensivierte die demokratische Wachsamkeit“ und trug somit „zur Stabilisierung und letztlich dem ‚Erfolg‘ der Bundesrepublik bei“. Also, Mut zur Angst!

Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt 2019. 22 €
https://www.rowohlt.de/hardcover/frank-biess-republik-der-angst.html

Schöpfer

Dieses Buch ist große deutsche geisteswissenschaftliche Erzählkunst. „Die Zeit der Zauberer“ wurde sogar auf Spanisch übersetzt und ihr Autor zu einer Vorlesungsreise nach Kolumbien eingeladen. Seine Botschaft, dass Zeiten der Krise auch Zeiten intellektueller Schöpfung sind, kam in dem politisch unruhigen Land gut an. So war auch die Zeit vor hundert Jahren eine Epoche der großen Umbrüche wie auch technologischen Beschleunigung in Europa und Deutschland, der Überflutung mit Information, unter anderem durch ein neues Medium, das Radio, mit schwer nachprüfbaren Fakten und Wahrheiten. In dieser Zeit, zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem politischen Durchbruch von Hitlers Nationalsozialisten, trafen vier philosophische Denker aufeinander von extremer Unterschiedlichkeit. Ludwig Wittgenstein, ein einsamer und trauriger Mensch, Milliardärssohn, der Klarheit in seinem Kopfe suchte, um damit sämtliche Fragen ein für allemal zu beantworten. Sein Gegenpol, Martin Heidegger, der sein vornehmstes Ziel darin sah, neue Fragen aufzuwerfen, im Übrigen politische Angst als notwendig für das gesellschaftliche Funktionieren ansah und damit im Dunstkreis der politischen Rechten stand. Darin mochte ihm Ernst Cassirer ganz und gar nicht folgen, der die Menschen von der Angst befreien wollte, und zwar mit den Mitteln des Verstandes. Der vierte große Denker war Walter Benjamin, ein unter dem Antisemitismus leidender Jude, der sich in den Marxismus flüchtet. Die Lebenswege dieser vier Philosophen, ihre Begegnungen und Debatten zeichnet Eilenberger nach. Nach seiner Auffassung haben sie unser heutiges Weltbild mitbegründet, was debattierbar wäre – auf jeden Fall eine spannende Zeitreise zurück in eine umtriebige Epoche, möglicherweise noch turbulenter als die derzeitige.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929. Klett-Cotta, 10. Auflage 2019. 25 €
https://www.klett-cotta.de/buch/Philosophie/Zeit_der_Zauberer/90521

Kooperation

Dieses Buch zeigt Kante. Durch seine spielerische Optik, sein Feuerwerk von Anleitungen der Moderation von Gruppen, seine glasklare Methodik und Ethik: nicht durch Konkurrenz gegeneinander, sondern Kooperation miteinander kommen wir weiter. Dererlei Übungen führen nicht nur Menschen unterschiedlichster Herkunft und Interessen zum gemeinsamen Handeln zusammen, sondern taugen auch, die großen globalen Probleme wie Migration, Klimawandel zu bewältigen. Alles in allem Pflichtlektüre für alle, die Menschen in Lernprozessen begleiten, vor allem auch in wissenschaftlichen Seminaren. Die Lektüre löst im Kopfe lustvolles Kribbeln für die nächsten Veranstaltungen aus, wobei man auch erkennt, wie lustlos und unkreativ das Standardformat ist: Frontalunterricht mit Fragen und Antworten. Wie spannend dagegen, einmal rotierende Rollenspiele durchzuführen, wobei die Teilnehmenden zwei Gruppen bilden, Skeptiker und Veränderungsagenten, und die Seiten wechseln. Geschichten erzählen üben und diese nach der Sieben-Sätze-Formel strukturieren, sie auf Tweet-Länge von 140 Zeichen kürzen, am Ende daraus eine Sechs-Wörter-Geschichte machen – hilfreiche Leibesübungen fürs Hirn. Das Yin und Yang, bei dem die „Stille Post“ nicht geflüstert, sondern auf Karteikarten geschrieben wird, im Wechselspiel zwischen direkter und indirekter Kommunikation, mit erstaunlichen Ergebnissen, die zum herzlichen Lachen einladen. Beim „Schwarze Ideen weißwaschen“ geht’s darum, negative Vorschläge zu sammeln, etwa zur Mitarbeitermotivation („Information zurückhalten“) und diese dann positiv umzudeuten („regelmäßige Updates“).  Genug der Beispiele – und bloß keine Furcht vor Langeweile. „Wachrüttler“, sog. „Thiagi Jolts“ (s. auch youtube) sorgen für Kurzweil.

Sivasailam Thiagarajan, Annette Gisevius, Samuel van den Bergh, Tom Kehrbaum: Interaktive Trainingsmethoden 2. Thiagis Aktivitäten für berufliches, interkulturelles und politisches Lernen in Gruppen. Wochenschau Verlag 2019. 29,90 €
https://wochenschau-verlag.de/interaktive-trainingsmethoden-2-2779.html

Humboldt-Comic

Im Humboldtjubiläumsjahr 2019 wartet die preisgekrönte Humboldtbiografin Andrea Wulf mit einem grafisch raffinierten Humboldtwerk auf, das die Abenteuer des berühmtesten Lateinamerikaforschers in einer Art Graphic Novel oder intellektuellen Comic erzählt. Dazu wertete Wulf Humboldts Tagebuchaufzeichnungen aus und ließ sie von der New Yorker Illustratorin Lillian Melcher in Bilder umsetzen. So entstand ein künstlerisch hochwertiges Bilderbuch, aus dessen Seiten der größte deutsche Naturforscher der Leserschaft praktisch entgegenspringt, mit penibel dokumentierten Texten, Reisesituationen, Forschungsgeräten, Beobachtungen, Erkenntnissen, gesammelten Pflanzen und Tieren. Darunter der verwegene Aufstieg zum Chimborazo ebenso wie die wilde Fahrt auf dem Orinoko. So entstand eine neue Gattung zwischen Sachbuch und Belletristik. Die Autorin begleitete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Anfang des Jahres auf seiner Humboldtjubiläumsreise nach Kolumbien und Ecuador, bei der er aus Wulfs Werk zitierte. Etwa dass Humboldt Erfinder der Natur und Vater der Ökologie gewesen sei mit der Erkenntnis, dass alles miteinander organisch und systemisch zusammenhänge. Und dass der preußische Forscher ein großer Aufklärer gewesen sei, der die Wissenschaft popularisierte, einfachen Menschen verständlich machte und damit auch demokratisierte. In einer Zeit, als die Indigenen für die Europäer zumeist noch als Barbaren galten, erkannte Humboldt, dass ihr traditionelles Naturwissen ein wichtiger Bestandteil von Wissen, des Wissensprozesses und damit der Wissenschaft war und beide integriert werden mussten. Humboldt kritisierte, wie der Mensch durch Rodung Hand an die Natur legte und sie zerstörte. Fast schon prophetisch war er der erste Warner vor dem Klimawandel, dass gasförmige Dämpfe im Zuge der beginnenden Industrialisierung große verändernde Wirkung haben könnten. Auch wenn manche vom Glauben abgefallen sein mögen: Wissenschaft funktioniert!

Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt. C. Bertelsmann 2019. 28 €
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Abenteuer-des-Alexander-von-Humboldt/Andrea-Wulf/C-Bertelsmann/e540057.rhd

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