Braucht die TELI ein neues Selbstverständnis?


Ein Anstoß zur Diskussion

Vor genau 32 Jahren, am 12. April 1986 verabschiedete die TELI ihr Programm, das nach wie vor Richtschnur für die Mitglieder ist. Damals war das Programm wegweisend für Technikpublizisten, die sich seit den 1950er Jahren an der “Aufklärung” der Bevölkerung abarbeiteten und nun neue Wege einschlugen.

Sie folgten damit einem plausiblen neuen Trend. Denn Wissenschaft, Technik und Wirtschaft schwenkten in den 1980er Jahren zur “Überzeugungsarbeit” um, zum Public Understanding of Science and Humanities PUSH. Man hatte verstanden, dass die Öffentlichkeit dort abgeholt werden muss, wo sie steht, um sie vom Wert der Forschung zu überzeugen. So rückte die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Technik in den Vordergrund, was sich auch im TELI-Programm wiederfand:

„Die TELI (…) setzt sich zum Ziel, zur Erschließung und Verbreitung wissenschaftlicher und technischer Information mit dem Blick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung beizutragen.“

Und weiter:

„Unter den heutigen Bedingungen nimmt ‚technischer Analphabetismus‘ die Form politischer Unmündigkeit an …“

Ausdruck des damaligen Umbruchs war zudem die Gründung der Wissenschaftspressekonferenz WPK drei Monate nach der Verabschiedung des TELI-Programms. Zu den Gründern, 23 Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, gehörten auch TELI-Mitglieder, wie der damalige erste TELI-Vorsitzende und der Leiter der Naturwissenschaftsredaktion beim WDR-Fernsehen. Ihnen ging es allerdings explizit um journalistische Werte, wie die Unabhängigkeit der Berichterstattung, die für eine kritisch-distanzierte und einordnende Auseinandersetzung mit den Berichtsthemen wichtig war.

In der TELI konnte sich das kritische Prinzip nie richtig durchsetzen. In ihrer neuen Satzung nennt sie sich denn auch “Verein zur Förderung des Dialogs über Wissenschaft und Technik” und nicht mehr “Journalistenvereinigung für Technisch-Wissenschaftliche Publizistik”. Die Umbenennung war angesichts der aktuellen Aktivitäten, die auf dieser Website dokumentiert sind, sicherlich nur konsequent. Das TELI-Programm spiegelt diese Neuausrichtung aber noch nicht wider. Es kreist immer noch um die Rolle des Journalismus, den sie einst definierte als

„Grundlagenarbeit gegen die Ursachen (der) Entfremdung“

zwischen Technik und Öffentlichkeit. Als Mittel gegen die Entfremdung soll die Übertragung der Informationen aus der

„Sprache der Fachzirkel in die der Sprachgemeinschaft“

dienen.

Da ist sie im Zeitgeist der 1980er hängen geblieben. Denn heute ist die Ursache der Entfremdung eine ganz andere, jedenfalls nur noch selten eine sprachliche.

In den mehr als 30 Jahren seit der letzten Überarbeitung des Programms sind neue Perspektiven hinzu gekommen. 1986 explodierte ein Kernreaktor in Tschernobyl, die Top-Level-Domain “.de” wurde eingeführt, in Paris die riesige “Stadt der Wissenschaften und der Industrie” (Cité des sciences et de l’industrie) eingeweiht, und die Sowjetunion begann mit dem Bau der Raumstation “Mir”. In den 1990er Jahren setzte sich das WWW durch, populär als “Internet” bezeichnet, und das 21. Jahrhundert begann mit enormen Fortschritten in Gen-, Bio- und Nanotechnologien, mit Smartphones, Surfplatten und zunehmender Digitalisierung.

Vor allem aber explodierte ein liberalisierter, globalisierter Markt, der sich auch über Wissenschaft und Technik stülpte. In der Wissenschaft bestimmen zunehmend Karriere und Publikationsdruck mit zahlreichen irrelevanten Mini- und Teilveröffentlichungen den Fortschritt und nicht mehr ergebnisoffenes Suchen nach Neuem und Fragen nach der Wahrheit.

Die Technik dagegen versucht zunehmend mehr Gadgets an Konsumenten und Verwaltungen zu bringen, die das Leben nicht wirklich verbessern. Im Gegenteil: Es müssen immer mehr Ressourcen in die Reparatur immer komplizierterer Produkte investiert werden. Warum sollte jemand, der seine Lage nicht mehr verbessern kann, Risiken akzeptieren, die technische Neuerungen zunehmend mit sich bringen? Warum beispielsweise die Zeit mit Dialogveranstaltungen verplempern?

Ganz nebenbei: Immer neue Wegwerfprodukte in den reichen Ländern zementieren die Armut in anderen Weltteilen und behindern deren Entwicklung. Dadurch steigt natürlich auch der finanzielle und zeitliche Aufwand, um die 17 Social Development Goals der UNO zu erreichen.

Die Ursache der Entfremdung ist also inzwischen nicht mehr mit einer besseren “Übersetzung” oder “Vermittlung” technischen Wissens zu beseitigen. Vielmehr liegt ihr das Gefühl zugrunde, dass ein End- oder auch Höhepunkt erreicht ist, ab dem sich die Lebensqualität nicht mehr steigern lässt. Darum lohnt es sich nicht mehr, Risiken von Technologien zu akzeptieren, deren Mehrwert zweifelhaft ist. Statt nach einem optimierten Leben zu streben, stellen sich zunehmend mehr Menschen die Frage, wie sie leben wollen. Das TELI-Programm von 1986 genügt diesen Herausforderungen nicht mehr.

Ulrich Wengenroth, einst Ordinarius für Geschichte der Technik an der Technischen Universität München schrieb in einem lesenswerten Gastbeitrag auf “Wissenschaft kommuniziert”:

„… dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Lebenszufriedenheit bei weiter steigenden Einkommen nicht mehr steigt, da sie nicht mehr an einem gemeinsamen Fortschritt aller, sondern an der relativen Position in der Gesellschaft gemessen wird. Letzteres ist aber ein Nullsummenspiel, …“

Und weiter:

„Es ist überhaupt nicht irrational, nach zwei Jahrhunderten spektakulärer Verbesserung der Lebensbedingungen weiteren substanziellen Fortschrittsversprechungen gegenüber skeptisch zu sein. Die großen möglichen Erfolge sind eingefahren, die Nutzenkurve unserer Anstrengungen ist flach geworden, auch weil wir immer mehr Energie für die Reparatur selbst angerichteten Unheils benötigen. Was jetzt gefragt ist – von der Wissenschaft, aber nicht nur von ihr –, ist Stabilisierung des erreichten Guten für möglichst alle Menschen.“

Die sieben großen sozialen Herausforderungen, die die Europäische Kommission mit ihrem Forschungsrahmenprogramm „Horizon2020“ lösen will, sind in diesem Sinne eigentlich überholt. Denn für die meisten dieser Herausforderungen gibt es gute technische Lösungen – sie werden nur nicht politisch umgesetzt. So dient das Forschungsrahmenprogramm eher dem Erhalt des Status quo, als der gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Wenn es in der aktuellen Satzung der TELI heißt,

„Zweck des Vereins ist es, den Dialog über Wissenschaft und Technik sowie deren Auswirkungen auf allen Gebieten in Medien und Öffentlichkeit zu fördern“

, dann ist das angesichts der technisch nicht, gesellschaftlich aber sehr wohl lösbaren Herausforderungen zu wenig. Es wäre an der Zeit, das Programm der TELI neu zu fassen. Dabei müsste auch die Frage geklärt werden, wer eigentlich Dialogpartner sein und wohin Dialoge führen sollten – und welche Optionen möglich sind, wenn Dialoge verweigert werden.


Foto “Sonnenaufgang”: Hanns-J. Neubert

1 Kommentar

  1. Ich stoße zufällig auf diesen Text,(der leider kein Datum hat: wann wurde er gepostet?)
    Kann man solche Diskursanstösse nicht kommunikativer organisieren? Es gibt ja auch keinen Newsletter mehr, in dem sowas verbreitet wird. Bisher gibt es auch keine Reaktionen hier im Kommentarteil. Was will uns das sagen? Ist der Text nicht bekannt? Oder haben die Leser keine Meinung dazu?

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