Das Jahr Babylon: Vor 90 Jahren Auftritt der TELI

Nach dem Inferno des ersten Weltkriegs blühten in den „Goldenen Zwanziger Jahren“ Ideen und Hoffnungen auf eine neue, lebenswertere Zukunft. In Tanzsälen und Cafés tobte sich ein neues Lebensgefühl aus. Auf den Straßen rangen soziale und politische Bewegungen oft gewaltsam um die Vorherrschaft. Wissenschaftler drangen in nie dagewesene Sphären der Naturerkenntnis vor. Tüftler bastelten an alten Motoren für neue Fahrzeuge. Künstler, Literaten und Philosophen suchten und stifteten Sinn für die Rasanz.

Vor 90 Jahren, auf dem Höhepunkt dieser Rastlosigkeit, am Vorabend einer Weltwirtschaftskrise, wurde die Technisch-Literarische Gesellschaft TELIgegründet.

Von den 32 Herren, die sich am 11. Januar 1929 im Haus des Vereins Deutscher Ingenieure zur Gründung der TELI in Berlin eingefunden hatten, repräsentierten 15 die „literarischen Büros“ der Berliner Großindustrie, von techniknahen Ministerien und Reichsunternehmen bis hin zu Technikerverbänden.

Angesichts der stürmischen Entwicklung in den Wissenschaften in jener Zeit, die grundlegend neue Materialien und Anwendungen entdeckten, fühlten sich die Vertreter der etablierten Technikindustrie vielleicht ja übergangen oder sogar angegriffen, waren deren eigene Innovationen wohl lediglich Verbesserungen althergebrachter Technik und die neuen Erfindungen und Entdeckungen möglicherweise eine Bedrohung. Mit dem Argument, die technische Berichterstattung zu verbessern, konnte man unter den Medienvertretern im Rahmen solcher Zusammenkünfte durchaus Zweifel an den bevorstehenden Neuerungen säen und gleichzeitig die technische Tradition großindustrieller Produktionen herauskehren.

Damals kristallisierten sich viele der wissenschaftlichen, technischen und philosophischen Fortschritte heraus, die in jeder Hinsicht die Grundlagen für heutige Entwicklungen legten. Sie waren die Voraussetzungen für das, was Institute und Unternehmen noch heute oft als „Durchbrüche“ verkaufen, etwa die Kernfusion, die Ernest Rutherford 1917 lange vor der Kernspaltung entdeckt hatte.

Die Namen der zwischen 1920 und 1930 gegründeten Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wiesen den Weg in technische Zukunftsentwicklungen, denen die damaligen Ingenieure wohl zunächst noch misstrauten: Faserstoffchemie, Metallforschung, Strömungsforschung, Biochemie, Silikatforschung, Anthropologie, Erblehre und Eugenik, Züchtungsforschung (1929), medizinische Forschung (1929) und Zellphysiologie.

Die 1920er Jahre waren wohl auch das letzte Jahrzehnt in der westlichen Welt, in dem sich Wissenschaft, Technik, Kultur und Geisteswissenschaften noch gegenseitig beflügelt hatten. Der Präsident der naturwissenschaftlich ausgerichteten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der berühmte protestantische Theologe und Kirchenhistoriker Adolf von Harnack, verkörperte diese Beziehung: Immerhin war sein Zwillingsbruder Axel Mathematiker.

Viele der technischen Erfinder jener Zeit sind ohne kulturellen Hintergrund nicht denkbar, etwa Engelbert Zaschka, der in eine Musikerfamilie geboren wurde und dessen Unterhaltungs- und Tanzmusikkompositionen als Schallplatten verbreitung fanden. Er erfand zahlreiche Hubschrauber- und Muskelflugzeug-Varianten und das berühmte Faltauto, mit dem er schon damals Berliner Parkplatzprobleme lösen wollte.

Im Gründungsjahr der TELI tat sich der erst 23 Jahre alte Flugpionier Julius Hatry hervor, als er, gesponsert von Fritz von Opel, erfolgreich einen Raketenantrieb für Flugzeuge testete. Neben seinen technischen Kreationen machte er sich zudem einen Namen als Theaterregisseur in Baden-Baden und als Regisseur von Dokumentar- und Spielfilmen – unter anderen mit Luis Trenker, Leni Riefenstahl und Theo Lingen. Als Innenarchitekt und Immobilienmakler blieb er ebenfalls kein Unbekannter.

Die Zwanzigerjahre waren ferner eine Bühne für berühmte wissenschafts- und technikphilosophische Debatten, in denen sich vor allem Walter Benjamin, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Ludwig Wittgenstein hervortaten. Sie wirken bis heute nach.

Walter Benjamin, ein Freund Theodor W. Adornos und Bertold Brechts, kam über die Fotografie zur Technik. Er fand, dass sich mit Hilfe fotografischer Technik das Verhältnis von Mensch und Umwelt klarer darstellen ließe und so zu einem vorurteilsfreien politischen Diskurs betragen könne. Benjamin kann man sicherlich als frühen Vertreter des akademischen Prekariats ansehen, der sich seinen Lebensunterhalt als Journalist und Literaturübersetzer verdienen musste. Für einen der wohl undogmatischsten Denker überhaupt war eine akademische Laufbahn schwierig. Selbst als er später zum dialektischen Materialismus mit theologischem Einschlag tendierte, sah er in der Dialektik nie den einzigen Weg der Erkenntnis und vertrat die Ansicht, dass sich vielmehr aus Erkenntnisdetails durchaus eine Gesamterscheinung der Wahrheit erkennen lasse.

Der österreichische Milliardär Wittgenstein wollte ursprünglich beim Physiker Ludwig Boltzmann in Wien studieren. Da er aber nur ein Realschulzeugnis hatte, schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Charlottenburg bei Berlin ein, wo er sich mit Flugtechnik beschäftigte. Nach seinem Ingenieurdiplom 1908 ging er nach Manchester, um dort einen neuartigen Flugmotor zu bauen. Doch in England stolperte er über die Veröffentlichungen von Bertrand Russell und besuchte dessen Vorlesungen. Russell war von Wittgensteins Denken so stark beeindruckt, dass er sich für würdig erachtete, dessen logisch-philosophisches Werk fortzuführen. Nach seinem ersten philosophischen Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ (Logisch-philosophische Abhandlung) verschenkte Wittgenstein sein Vermögen an seine Geschwister und ein paar notleidende Schriftsteller. Während seiner Kriegsgefangenschaft beschloss er, sein Leben in Zukunft als armer Volksschullehrer auf dem Lande zu fristen. Nachdem er einen Schüler verprügelt hatte, wurde er statt dessen Gärtnergehilfe in einem Kloster. Erst im Gründungsjahr der TELI kehrte Wittgenstein 1929 als Philosoph nach Cambridge zurück, wo er bei Bertrand Russell dann doch noch über seinen „Tractatus“ promovieren konnte.

Im selben Jahr, zweieinhalb Monate nach Gründung der TELI, fand im schweizerischen Luftkurort Davos die berühmte „Davoser Disputation“ statt – das Streitgespräch zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger zum Thema „Was ist der Mensch?“.

Für Heidegger, Metaphysiker und späteres NSDAP-Mitglied, war Technik wegen der schonungslosen „Vernutzung“ natürlicher Ressourcen eine unabweisbare Gefahr. Er war einer der prominenten Kritiker der Technik, die für ihn ein Fluch für die Menschheit war – ein früher radikal-esotherischer Umweltschützer.

Sein Gegenspieler, der Kulturphilosoph, Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker Cassirer, der als Jude 1933 ins Exil ging, sah dagegen, dass Wissenschaft und Technik eigene Erlebniswelten sind, die zusammen mit Religion, Kunst oder Geschichte entscheidend zum Weltverständnis beitragen. Er stimmte weder in die Verherrlichung der Technik noch in ihre Verdammung ein. „Technik fragt nicht in erster Linie nach dem, was sein kann, sondern nach dem, was ist“, schrieb er 1930 in seinem Essay „Form und Technik“. Als Wissenschaftstheoretiker hat er über Descartes, Leibniz, Kant und Goethe genauso geschrieben wie über Galilei, Newton, Einstein und Jakob Johann von Uexküll.

Diese Debatten haben nach Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg aufgehört. Präsidenten der großen Forschungsunternehmen sind heute gestandene Naturwissenschaftler mit langen Listen einschlägiger Veröffentlichungen und Drittmittelakquisen. Philosophie findet meist nur noch als Philosophiegeschichte in weitgehend abgeschotteten akademischen Zirkeln statt. Wissenschaft und Technik müssen sich nur dann erklären, wenn es um Akzeptanz für Anwendungen geht, deren Nutzen nicht unbedingt überzeugend ist und die deshalb – vielleicht – Kritik hervorrufen könnten. Ansonsten gilt Forschung gemeinhin als „gut“, weil sie Arbeitsplätze schafft, die Umwelt schützt oder der Klimaerwärmung entgegen wirkt. Für eine kritische Begleitung sollen allenfalls Abteilungen für Technikfolgenabschätzung in Forschungsinstituten und das Büro gleichen Namens beim Deutschen Bundestag sorgen.

Doch wenn es wirklich einmal um den Schutz und die Rechte der Gesellschaft, der Menschen, der Natur und des Klimas geht, sind die Händler des Zweifels nicht weit. Mit Erfolg. Denn Zweifel – auf noch so windigen Grundlagen – erzeugen gesellschaftliche Scheindebatten, die politische Entscheidungen lang hinaus zögern können.

Leider sind manche Journalisten ebenfalls willfährige Helfer der Faktenskeptiker, wie das jüngste Beispiel von 112 Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, darunter 107 Lungenärzten zeigt: Sie hatten das Pamphlet eines pensionierten Lungenarztes und eines ehemaligen Ingenieurs aus der Autoindustrie unterschrieben, in dem diese versichert hatten, dass die Grenzwerte für Autoabgase viel zu hoch angesetzt seien. Keiner der beiden Autoren ist Wissenschaftler, keiner Experte, keiner hat zu dem Thema publiziert. Aber in den ZDF-Nachrichten hieß es: „Es steht unentschieden“ und es gebe „extrem heftigen Expertenstreit“. Schon eine kurze Internet-Recherche hätte die Fehleinschätzung der Ärzte entlarven können. Und selbst, als den Autoren Rechenfehler nachgewiesen wurden, titelte das Handelsblatt weiterhin: „Grenzwert-Papier der Lungenärzte enthält offenbar schwere Rechenfehler“ (Hervorhebung durch Autor). Dabei wäre es eine ganz einfache Rechenaufgabe gewesen, zumal die TAZ es bereits vorgerechnet hatte.

Die TELI hat in ihren 90 Jahren schon viel durchgemacht. In jüngster Zeit hat sie aber verstanden, dass das Reden über Wissenschaft und Technik nicht allein Journalisten, Pressesprechern, Wissenschaftlern und Geschäftsführern vorbehalten bleiben darf und setzt vermehrt auf das, was lange gefehlt hat: Die Debatte über grundlegende Themen. Noch immer fokussieren sich TELI-Veranstaltungen zu sehr auf nur eine einzige Technik, ein einziges Verfahren, ein einzelnes Forschungsergebnis. Das aber kann nur der Anfang für eine umfassende Einschätzung von Technikfolgen sein, seien sie positiv und nützlich oder negativ und überflüssig respektive schädlich. Die TELI muss vor allem Nachhaltigkeitsdebatten führen, die die Erfahrungen und Einsichten wirklich visionärer Sozialwissenschaftler, Ökonomen oder Philosophen ebenfalls einbeziehen.

Verantwortungsvolle Forschung und Neuerung (Responsible Research and Innovation, kurz: RRI) könnte dabei einen Weg weisen. Gerade hat der Kopf hinter dem Konzept, René von Schomberg, ein neues Buch dazu veröffentlich: „International Handbook on Responsible Innovation. A Global Resource“. Für den Anfang mag schon seine Vision„A vision of Responsible Research and Innovation“ hilfreich sein. Der Philosoph Von Schomberg arbeitet für die EU-Kommission.

Im 90. Jahr ihres Bestehens sollte die TELI vermehrt und breit über Sinn und Unsinn technischer Entwicklungen oder der öffentlichen Förderung von Forschung reden. Denn es gibt seit je her sehr viel singuläre Öffentlichkeitsarbeit zu technischen Fortschritten, die angeblich der Natur und dem Klima helfen oder Arbeitsplätze schaffen sollen. Die TELI sollte hinterfragen, ob diese Fortschritte ausreichen, ob sie nicht viel zu spät zu Ergebnissen führen, und ob sie nicht mehr zerstören, als sie vorgeben zu reparieren oder zu schaffen.


Editiert: 2019-02-19

1 Kommentar

  1. NEO-AUFKLÄRUNG + U(e)BER-WISSENSCHAFT

    Danke für diesen übergreifenden Rück- und Ausblick.

    Über die Neuland beschreitende Philosophie-Historie der 1920er Jahre ist unlängst ein spannendes Buch erschienen, das genau die in diesem Beitrag genannten Akteure unter die Lupe nimmt und ihre Motivationen und Lebensumstände durchleuchtet:

    Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer –>
    https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr2-lesenswert-kritik-wolfram-eilenberger-zeit-der-zauberer/-/id=659892/did=21143100/nid=659892/11dsx3n/index.html

    „Tiempo de Magos“ ist auch auf Spanisch erschienen und war im Januar mit Auftritten und Lesungen des Autors in Kolumbien in sämtlichen Medien präsent!

    Es stimmt: Heut leben wir in einer ähnlichen Zeit wie in den „Golden Twenties“: Wohlstand, Disruptionen, Weltuntergangsszenarien — ein wissenschaftlich-politisch-kulturelles „Potluck Dinner“ und Tanz auf dem Vulkan.

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Zeiten vor ein paar hundert Jahren oder irgendwann in unserer Menschengeschichte und Evolution viel besser waren: ständig Krieg, Hunger, Epidemien …

    Sicher allerdings bin ich mir, dass wir durchgreifend neue methodische Ansätze in unserem Denken brauchen. Sie müssen über die des europäischen Abendlandes weit hinausgehen (nachdem wir für die Miseren auf diesem Planeten weitgehend verantwortlich sind). Ernst Ulrich von Weizsäcker/Club of Rome fordert eine „Neo-Aufklärung“.

    Ich würde sogar noch weiter gehen. Eine U(e)berwissenschaft, SUPRA-Science, in der die Wissenschaft, das Denken in einer kulturellen Überinstanz zusammenläuft. Das ist mir bei einem Interview beim kolumbianisch-deutschen Friedensinstitut CAPAZ unlängst klargeworden. Solange Grundlagenforschung nur Technologie befeuert und diese von der Wirtschaft und Wachstumsdogma vereinnahmt wird schaffen wir in europäisch-mittelalterlich geprägten Gesellschaften keinen Frieden.

    TELI-Journalismus könnte dieses Umdenken befördern. Darin sehe ich unsere Aufgabe — DANKE FÜRS LESEN!

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