Dem Generalisten Tilman Steiner zum Achtzigsten

Wenn er sich zu Wort meldet, dann hat er etwas zu sagen.

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Tilman Steiner , einer der renommiertesten Fernsehjournalisten Deutschlands, mag aufrechte Menschen. ©Hanna Steiner

Wenn ein Mensch zu seinem 80. Geburtstag ein paar Dutzend Menschen zu einer Feier einlädt, dann ist das noch nicht weiter erwähnenswert; zumeist finden sich dann Kinder und Kindeskinder und weitere Verwandtschaftsgrade zu einem Abend der gepflegten Langeweile zusammen. Wenn aber ein solcher Jubilar ein eigenes Fest für Künstlerinnen und Künstler, für Freunde, Forscher, Film- und Fernsehschaffende, eine halbe Bürgerinitiative und einen bunten Strauß an Pädagoginnen und Pädagogen ausrichtet, dann hat er etwas zu sagen.

Noch immer.
Und immer noch.
Und immer wieder.

Bei den letzten Beerdigungen seiner Freunde seien so viele einander unbekannte Menschen da gewesen, eröffnet Steiner den Abend, dass er zu einer Freundschaftsbegegnung ganz ohne Geburtstagsfeier geladen habe; schon deshalb, „weil ich bei meinem eigenen Leichenschmaus schon einen Termin habe und deshalb absagen werde“. Leichenschmaus zum 80sten? Die Geladenen machte er sehr elegant miteinander bekannt, indem er statt einer Tischordnung eine einfache Regel ausgab: Zwei einander Bekannte sollten jeweils eine oder einen zwischen sich platzieren, die respektive den sie nicht kennen. So bringt man Menschen zusammen und miteinander ins Gespräch.

Mit charmanter Nonchalance und beeindruckender Faktensicherheit stellte Tilman Steiner die Schar derer vor, die ihn als Gesprächspartner, Kollegen, Ratgeber, Musen und Mitstreiter (natürlich auch *innen) begleitet haben und denen er viel seiner Eloquenz und seines Scharfsinnes verdankt; und die ihn, einen der renommiertesten Journalisten Deutschlands, ermutigt haben, seine Lebensfreude und Lebenserfahrung in ein Buch mit dem Titel „Die Anschauung der Welt: Die Vernunft der Schönheit und die Unvernunft der Rationalität“ zu gießen. Die TELI hatte das Vergnügen, dieses Werk Ende Mai 2017 im Rahmen eines TELI-Jour-fixes im PresseClub München vorzustellen und die Ehre, Tilman Steiner daraus lesen zu hören – ganz ohne Doktor- und Professor-Attitüde.

Wer sind die, mit deren Hilfe der Jubilar den Steiner-Code aus seinem bewegten Leben destillieren konnte? Der Maler und Bildhauer Wilhelm Holderied etwa, der selbst am Münchner Flughafen das Bildzeichen „Eine Insel in der Zeit“ in die Erde gefräst hat, und dessen Frau Ruth Bölle, Organisatorin des Landwirtschaftsfestes in München; oder Florian Besold, Vorsitzender der Bayerischen Volksstiftung / des Bayerische Einigung e.V. Steiner nennt ihn einen großen Rhetoriker – nicht zu Unrecht, ist es doch seine Aufgabe, Bewohner unterschiedlicher Herkunft und „Stammeszugehörigkeit“ zusammen zu bringen: Altbayern, Franken, Schwaben, Sudetendeutsche sowie Bewohner, die hier dauerhaft leben. Wie? Indem er etwa jedes Jahr Anfang Dezember den Verfassungstag ausrichtet. Denn Bayern hat, so Besold, die beste Verfassung der Welt.

Mit Dr. Michael Appel hat Steiner vor dem Rigorosum über das Falsifikationsprinzip des Philosophen Karl Popper diskutiert, und der lobt ihn für Mut und Tapferkeit zurück. Von Dr. Karl Forchhamer, Professor für Mikrobiologie an der Uni Tübingen, hat Steiner gelernt, dass sich die in „Die Vernunft der Schönheit“ aufgespannten Koordinatenachsen Kreativität, Polarität, Attraktivität und Reflexion im Inneren von Zellen wiederfinden, um Licht und Süßwasser als Lebensspender miteinander zu verknüpfen.

Dann ist da der Musikpädagoge Prof. Dr. Michael Kugler, der an der LMU München das Schulwerk keines Geringeren als Carl Orff erforscht, die deutsch-argentinisch Ärztin und Schriftstellerin Esther Vilar, deren Buch „Der bewegte Mann“ laut Steiner den Männern etwas Würde zurückgegeben habe, und der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl, Harald-Lesch-Partner, dem Steiner “subkutane Motive” zuspricht. Rüdiger Lorenz lobt er als einen, der in Kult-Doku-Serie „Der Letzte seines Standes“, die vom Aussterben bedrohte Berufe dokumentiert, bei rund 25 der 65 Sendungen als einer Hauptautoren mitgewirkt habe; sie sei an die 3000 Mal ausgestrahlt worden – und heute ersatzlos gestrichen. Das erbost Steiner: „Es geht mehr altes Wissen verloren als die Moderne dazu gewinnt“.

Geht es um den Rundfunk, wird Steiner impulsiv: „Sogar die Serie ‚Weltkulturerbe‘ wurde eingestellt“, beklagt er, und kritisiert den quotengetriebenen Kulturwandel in den öffentlich-rechtlichen Medien. Steiner will, dass wenigstens diese kommerziell unabhängigen Sender Wichtiges statt nur Aufreger zeigten, denn die mit Skandalen befeuerte Quoten-Hybris schaffe ein negatives psychisches Weltklima. Steiner skandiert: „Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört uns allen!“

Ums Positive geht es auch bei seinem Freund, dem Arzt und Familientherapeuten David Wilchfort, und so gibt er ihm das Wort, damit der sein Friedens-Credo vortragen kann. „Um Differenzen besser zu bewältigen, muss man sich mehr auf das Positive beziehen“, sagt der Genannte und rät allen Menschen, nicht nur Paaren, sich jeden Tag eine Minute Zeit fürs Nachdenken darüber zu nehmen, was gut war an diesem Tag. Das tägliche Training mit dem Positiven sei wie Gehirn-Jogging. Und so berichteten 80 Prozent der Menschen, die sich auf das 1×1 der Liebe  eingelassen hätten, von positiver Wirkung.

Steiner lobt Dr. Ingo Mittenzwei für dessen Weitsicht, weil der vor bald 50 Jahren in seiner Doktorarbeit die fortschreitende Pressekonzentration in Deutschland abgehandelt habe, und fordert medialen Binnen-Pluralismus, der gegebenenfalls von Stiftungen zu fördern sei. So ließe sich der kommerzielle Druck von Journalistinnen und Journalisten nehmen, damit sie wieder ergebnisoffen aus der Welt berichten könnten – wie er es selbst gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Bayerischen Rundfunk, immer wieder durchgesetzt habe.

Dessen Intendant heißt mittlerweile Ulrich Wilhelm und beginnt seinen Gratulationsbrief an Steiner mit dem Steiner-Zitat: „Ich habe mich immer von meinen Recherchen überraschen lassen“, das er sich ein Dutzend Jahre lang gemerkt habe. Das Zitat gehört zu Steiners politischer Arbeit, als er auf den Vorwurf des damaligen Chefredakteurs geantwortet habe, bei ihm, Steiner, wisse man nicht immer, was (politisch) hintern ‘rauskomme. Steiner hat über Jahrzehnte die Wissenschaftsberichterstattung im BR mitgeprägt.

Mit Inbrunst fordert Steiner eine „Elite von Non-Konformisten“. Er, der für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einsteht wie kaum ein Zweiter, kritisiert, dass das Maß der Erregung überall die Programmauswahl bis in die Nachrichten hinein bestimme und zu einer “Erhitzung des psychischen Weltklimas” führe, und mit Blick auf Krimis statt Dokus, dass die  Lebenswirklichkeit zu kurz komme. Und er lobt Entwicklungspsychologie Prof. Dr. Rolf Oerter, der Lehrer aller anwesenden Pädagogen gewesen sei und trotz seiner 87 Jahre noch immer jeden Donnerstag zwei Stunden lang einen großen Hörsaal der LMU fülle.

Lebenswirklichkeit, das ist gleichfalls das persönliche und gewohnte Umfeld. Und so kämpft Steiner auch mit Inbrunst im Verein mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern um den Erhalt der Gaststätte „Sakrisch Guat“ im Norden Münchens, der das Opfer einer Immobilien-Spekulation zu werden droht. Die Wirtschaft liegt auf dem Gelände des Tunvereins Jahn im Münchner Norgen, doch Sport spiele dort derzeit eine Nebenrolle.

Dass er, Steiner, bei all seinem Engagement, seien Reisen in und seinen Reportagen über die Welt, seinen Bergtouren und Kletterpartien von den Tälern Äthiopiens bis hinauf in die Peruanischen Anden nie die Bodenhaftung verloren hat, offenbart die musikalische Begleitung des Jubiläumsabends durch seinen Freund Peter Ostermeier, der Stimmbildung als Lehrer geübt hat. Er besingt Steiner, wie einst Maxl Graf, als „Den Stolz von der Au“.

Gesang und Stimmbildung ist auch das Metier von Ehefrau Hanna Steiner, seit vielen Jahren Lehrbeauftragte für Gesang am Institut für Musikpädagogik der LMU München. Sie ist es, der ihr Mann wohl den meisten Rückhalt verdankt. Denn Stolz lebt von Anerkennung.

Das Lied seiner Musikgruppe SDS I‘ bin a altmodischer Hund“ charakterisiert Steiners Menschenbild gut: „Leit die nur plappern, si nochn Wind drahn, mog i net.“ Er mag vielmehr Menschen, die über den Tellerrand zu blicken wissen, die sich nicht verstecken, die aufrecht und vielgestaltig in ihren Interessen sind. Steiner: „Die Welt besteht nicht nur aus den Ergebnissen der sonstigen Wissenschaften. Generalist sein [wie einst Humbold] ist der höchste Adel.“

Tilman Steiner empfängt zu seiner Freundschaftsfeier Wolfgang Goede (l.) und Arno Kral aus deM TELI-Vorstand. Bild: Arno Kral.

Als sich der Abend dem sich dem Ende zuneigt, singt die Runde, begleitet von Peter Ostermeier Schulrektor, Musikant und Larvenschnitzer, das Lied „Fein sein, beieinander bleib’n“. Da fängt den Freigeist dann doch die Tradition wieder ein.

Die TELI wünscht ihrem Freund und Förderer Tilman Steiner noch viele schaffensreiche Tage.

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