Der Prophet

Dominik-Fantasie: Großstadt der Zukunft. 1924 in: Die Woche (c) synergen
Dominik-Fantasie: Großstadt der Zukunft. 1924 in: Die Woche (c) synergen

Hans Dominik, heute weitgehend vergessen, auch als Mitbegründer der TELI, gilt als einer der Großen der deutschen Science-Fiction. Der Chemiker, Autor und Verleger Detlev Münch hat Dominik (1872—1945) wiederentdeckt und seinem Werk das mittlerweile siebte Buch gewidmet. In seinem jüngsten, „Der Bildner der Technik”,* tritt uns ein fast rasender Vielschreiber entgegen, beseelt von Technik und ihren schier unendlichen Möglichkeiten, ein Prophet und Märchenonkel zugleich, mit faszinierenden Zukunftsgeschichten, Gigantomanie gekonnt auf höchste dramaturgische Fallhöhen geschraubt, inspiriert von den atemberaubenden Durchbrüchen seiner Zeit in Energietechnik, Chemie, Luftfahrt, stilistisch oft schwülstig und kitschig, deutschnational-konservativ, auch wenn kein NS-Mitglied, so doch ein Opportunist, wenn nicht sogar apolitisch – ein Technik-Schwadroneur? Bucheinbände, Grafik, Zeichnungen, Buchauszüge lassen den Leser manchmal nostalgisch-romantisch werden, wie auf einer Tour durch das altehrwürdige Deutsche Museum zu München: Ach, Vergangenheit, du hattest es besser, als der Mensch mit fast religiöser Inbrunst noch an das Gute und Edle von Wissenschaft und Technik glaubte.

Bestseller-Autor mit Millionenauflage

Bestsellerautor und TELI-Mitbegründer Hans Dominik um 1930 (c) synergen
Bestsellerautor und TELI-Mitbegründer Hans Dominik um 1930 (c) synergen

So, das war die Kurz-Kurz-Fassung dieses mit viel Recherche sowie gründlicher Kenntnis und alles andere als unkritisch verfassten Buches über den TELI-Mitbegründer und seine Zeit, vom Autor sehr flott erzählt und getragen von seinem Enthusiasmus für das Science-Fiction Genre. Wer rätselt, warum sich die TELI das kryptische „Technisch Literarische Gesellschaft“ zum Namen erkor, findet bei Münch die Antwort.

Dominik war wie viele TELI-Mitbegründer ursprünglich ein PR-Mann. Die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation in der Industrie hießen in seiner Zeit „literarische Büros“, viel klangvoller als die heutigen blutleeren Begriffe, oder? Aus der Firmenkommunikation war ihm der Sprung in die Zeitungswelt und in die Schriftstellerei gelungen, der Traum auch vieler Journalisten heute, schon damals hürdenreich, wie Dominik in seiner Biografie eingestand, aber am Ende belohnt mit einer mehrstelligen Millionenauflage, auch dem Umstand geschuldet, dass seine Werke beliebte Landserschmöker im Zweiten Weltkrieg waren und von der Heeresleitung en masse an die Front geworfen wurden.

Sodann möchte ich, nach diesen grundsätzlichen Eindrücken, mit Münchs Kurzfassung am Ende seines Buches fortschließen, bevor ich aus seinem Text einzelne Passagen herausgreife, die mir zum Verstehen von Dominik erwähnenswert erscheinen.

Narrativer Technik-Didaktiker

Kriegsverherrlichendes Jahrbuch 1913: Darin schreibt Dominik, dass deutsche Erfindungen Krieg ersparen könnten (c) synergen
Kriegsverherrlichendes Jahrbuch 1913: Darin schreibt Dominik, dass deutsche Erfindungen Krieg ersparen könnten (c) synergen

Der 1872 in Zwickau geborene und Wahlberliner lernte Elektroingenieur und Maschinenbau, arbeitete als Ingenieur in den USA und bei Siemens & Halske, bevor er 1901 seiner schriftstellerischen Ader folgte. Dominik wollte „unbedarfte Zeitungsleser und Bildungsbürger mittels narrativer Technikdidaktik in Form ‚Technischer Märchen’ und ‚Wissenschaftlich-phantastischer Plaudereien’ die Schöne Neue Technikwelt” erklären, sie neugierig machen und begeistern, schreibt Münch.

Dominik verfasste vier technische Abenteuerromane und 97 (!) technische, experimentelle und utopische Novellen, zudem fünf illustrierte Techniksachbücher. Mit diesem Werk gilt der TELI-Altvordere als „Meister der technisch-didaktischen Zukunftserzählungen”, der bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hineinwirkte. Als „Prophet der Technik” dürfte kein deutscher Schriftsteller über vier Jahrzehnte lang so viele Menschen für Wissenschaft und Technik begeistert, so viele Jugendliche zu einer entsprechenden Berufsausbildung motiviert haben, befindet der Autor.

Heimchen am Herd

Eine seiner Botschaften war, so Münch, mit technischen Mitteln Neuland für die Überbevölkerung zu schaffen, die Kernkraft zu nutzen, durch neue Synthesen schwindende Rohstoffe zu ersetzen, um „Zukunftskriege gänzlich überflüssig zu machen“. „Am Deutschen Ingenieurswesen soll die Welt genesen“ – Dominiks Friedensappell, damit wollte er die Welt zu Wohlstand und Frieden führen.

Von meinen 37 Seiteneinmerkern über die 200 Seiten des Buches hinweg möchte ich auf Folgendes näher eingehen.

Elektrizität aus Naturkräften gewinnen, erschienen 1914 (c) synergen
Elektrizität aus Naturkräften gewinnen, erschienen 1914 (c) synergen

Bemerkenswert, dass Dominik bei all der hochgespannten Technik nicht ohne die Liebe und enttäuschte Liebe auskommt, wobei diese anscheinend oft in Stereotypen dargestellt wird, die Frau als dummes Heimchen am Herd. So lautet Münchs Kommentar, der anscheinend etliche von Dominiks Büchern gelesen hat und eine Vielzahl detailliert vorstellt, zu „Hochströme“ (1911):

Burnout gab’s schon 1911

Die wichtigsten Protagonisten gehen drei Ehen ein und bekommen zusammen acht Kinder. Als mögliche Zukunftserfindung wird auf der Havel auch noch ein Elektroboot getestet. Schon damals gab es offensichtlich bereits Mobbing, Workoholics, Burnout Syndrom – insofern, findet Münch, ist „Dominiks gesellschaftskritischer und antikapitalistischer Roman aus der Arbeitswelt“ vor dem Ersten Weltkrieg „immer noch hochmodern“.

Neben Wertschätzung für das große Werk beherrscht Münch aber auch die feine Ironie. In „Die Madonna mit den Perlen” (1912) zitiert er die Liebeserklärung auf Seite 293, die „an Originalität wohl kaum zu überbieten“ sei: „Ich liebe Sie Daisy, wie Sie sind in ihrer Eigenart, ihrer natürlichen Frische – was darf ich hoffen?“ Doch statt einer Antwort …

Als Leseprobe stellt Münch in Alpenglühen (1913) den Bergwerkshelden so heraus: „Der Ingenieur lachte und es lag ein Klang von elastischem gespannten Stahl in diesem Lachen.“

Nüstern zittern kampfesfroh

Reise zu den Planeten, auch Venus? 1934 in Die Woche (c) synergen
Reise zu den Planeten, auch Venus? 1934 in: Die Woche (c) synergen

In seinem Kriegsroman „Klar zum Gefecht“ (1915) reiht sich dann ein Klischee an das andere, etwa: „Die Nüstern ihrer vornehm gemeißelten Nase zitterten kampfesfroh“, wird eine sabotageaktbereite hübsche Jungfrau beschrieben. Ihr Onkel war „ein Deutscher voll … aufrechter Männlichkeit … wie wir … Kulturträger unseres Volkes draußen in der Welt bitter nötig brauchen“. Und: „Es ist eine weltgeschichtliche Notwendigkeit, dass Deutschland diesen Gerichtstag abhält.“ … „Weil uns dereinst die Welt gehören wird.“ Das hätte zwei Jahrzehnte später auch Nazi-Sprech sein können.

Sozialdarwinismus und Rassismus, wie Münch klarstellt, im Einklang mit dem Zeitgeist der damaligen Zeit, gekoppelt mit damals fast unvorstellbarer Technik, etwa elektropneumatischen Bahnen durch Tunnel von Berlin nach New York, gigantische Gezeitenkraftwerke, Nahrungsmittelproduktion aus Kohle und Wasser, Urbarmachung der Pole, Schaffung eines neuen Kontinents im Pazifik, per Schiff und Kanal über die Alpen, “10000pferdige” Turbinenlokomotiven, Marsschnellschiffe und Atomraketen, interplanetarische Kommunikation via 30 Kilometer hohe Antennen – in diesen Welten schwelgt Dominik. Vieles davon ist eingetreten, einige Visionen halten sich bis heute, etwa der Alpenkanal.

Dominik lehrte auch naturwissenschaftliche Experimente, 1908 erschienen (c) synergen
Dominik lehrte auch naturwissenschaftliche Experimente, 1908 erschienen (c) synergen

Seine Welt ist eine, die uns heute seltsam berührt, Ideologieschwere gepaart mit Missionseifer, gleichwohl erneut aktuell, nachdem das Primat der weißen Rasse erneut die Sprache der Neuen Rechten, diesmal im großen transatlantischen Raume ist. Dazu noch am Schluss.

Deutscher Jules Verne

Vorerst frage ich mich, in welcher Beziehung Dominik, volkstümlich im gleichen Atemzug mit Jules Verne genannt, sogar als „deutscher Jules Verne“ konnotiert, zum französischen Meister der Science-Fiction steht. War er von ihm inspiriert, wem kommt das größere Verdienst um die Erfindung und Kultivierung dieses Genres zu?

Wenn man diesen Faden weiterspinnt, ist man schnell bei der Frage, was im internationalen Rahmen der Beitrag von Dominik und Deutschland zur Science-Fiction war. Ist er im Vergleich mit Autoren in Frankreich, England, USA und anderswo eine Größe – oder vielleicht wegen fehlenden Übersetzungen und Vermarktung unbekannt geblieben?

Des Weiteren, wie hat frühe Science-Fiction-ähnliche Literatur wie die im Pfennig Magazin verbreitete, dem britischen Penny Magazin nachempfunden, auf Dominik gewirkt? Und wie könnten später entstandene Medien wie Rasselbande, Hobby, P.M., Welt der Wunder, die oft auch naive Technikbegeisterung kultivierten, gleichwohl Publikumsrenner waren, von Dominiks Geist und Werken beeinflusst worden sein?

Propagandist völkischer Ideologie?

Buchumschlag des neuen Buches über Hans Dominik (c) synergen
Buchumschlag des neuen Buches über Hans Dominik (c) synergen

Dahingegen scheint die Frage von Dominiks Rolle im Nationalsozialismus weitgehend geklärt, wie auch bereits ausführlich in der TELI-Publikation „Am Anfang war die TELI“ (2007) zum Ausdruck gebracht, ein wichtiger Aspekt, über den man sich bei Münch mehr Klarheit gewünscht hätte. Aber vielleicht wäre das Thema Science-Fiction im Kontext von Politik ja noch einmal eine spezielle Untersuchung im synergen Verlag wert, auch mit der Frage, ob Dominik mit seinem Sozialdarwinismus nicht die völkische Ideologie der Nazis angefacht haben könnte, was auch eine relevante politologisch-soziologische Fragestellung wäre.

Zur Abrundung hier ein paar Auszüge aus der erwähnten TELI-Publikation über Dominiks Verhältnis zu den Nazis (S. 31ff): „Dominiks Verhältnis zu Hitler und der NSDAP war ambivalent … Er war fasziniert von Hitlers Karriere als radikaler Politiker von rechts und zugleich angewidert von der Karrieresucht der Genossen. Während er Hitler als ‚großen Führer’ überschätzte, unterschätzte er das System des Nationalsozialismus … Als konservativer Preuße galt ihm Autorität, vor allem Staatsautorität, mehr als Mitbestimmung, Kritik, politische Partizipation … Die Politik schien ihm sowieso Angelegenheit einer Elite zu sein, in der nur ein kleiner Zirkel von wissenden Experten und tatkräftigen, willensstarken Machern die ‚Fäden ziehen’ sollte … Dominik blieb lebenslang in einer ‚Ideologie des Unpolitischen’ befangen … Er versuchte, sich den Nazis anzudienen, indem er seine Romane ‚nationalsozialistisch’ aufzurüsten gedachte.“

Buchautor, Verleger und Science-Fiction-Aficionado Detlev Münch (c) synergen
Buchautor, Verleger und Science-Fiction-Aficionado Detlev Münch (c) synergen

Der Rezensent ist Wolfgang Chr. Goede, TELI Vorstandsmitglied, Beisitzer. Auf vielen internationalen Konferenzen sowie Veranstaltungen in Deutschland, etwa von Aktion Sühnezeichen/Friedensdiensten, hat er über die Aufarbeitung der TELI Nazi-Historie sowie die Rolle von Technik und Wissenschaft im Dritten Reich gesprochen. Dieser Buchbesprechung sollte, zur weiteren Vertiefung des nach wie vor aktuellen Themas, ein Gespräch mit dem Autor bei einem TELI Jour fix folgen, auch um das Projekt „Kamingespräche über die Vergangenheit der TELI“ weiterzuführen. Die TELI dankt Detlev Münch und seinem Verlag synergen für die Überlassung des Bildmaterials. Zur TELI Historie siehe auch den entsprechenden Teil der TELI Webseite und dabei insbesondere die TELI Schrift „Am Anfang war die TELI“ von Hans Christian Förster.

*) Detlev Münch: Der Bildner der Technik. Hans Dominiks technische 
Belletristik. 1902 – 1921. Synergen Verlag, Dortmund 2017.

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